Die Elektrische

Früher war alles besser, na ja, jedenfalls anders. Der innerstädtische Personentransport zum Beispiel. Während man heute mit einem Hollandrad dubioser Herkunft im verstopften Kreisel locker einen fluchenden Busfahrer ausbremsen kann, hieß es früher „Rette sich wer kann“, denn bremsen war nicht, wenn die „Elektrische“ um die Ecke donnerte.


Mit der Gründung der Stadtwerke im Jahr 1901 wurden die ersten drei Straßenbahnlinien eröffnet, die den Pferdeomnibus ablösten. 25 Motorwagen und 18 Anhängerwagen fegten anfänglich im 6-Minuten-Takt durch Münster. Dabei erreichten sie eine Höchstgeschwindigkeit von 12 Sachen pro Stunde. (später sogar 15 km/h !)
Das Streckennetz hatte zunächst eine Gesamtlänge von acht Kilometern, dies entspricht etwa 25 Runden um den Kreisel. Im Laufe der Jahre wurde das Straßenbahnnetz ausgebaut. Zur „Blauen“ kamen die „Rote“, „Grüne“ und die „Gelbe“ Linie hinzu. Die „Gelbe“ startete am Schützenhof, fuhr über den Prinzipalmarkt bis zur Danziger Freiheit.
Schaffner und Führer bekamen schon mal ein Trinkgeld und nutzten die Pause an der Endstation aus, um sich bei „Brandebusemeier“ einen „Kurzen“ zu genehmigen.
Das Abzeichen an ihrer Dienstuniform, das einen elektrischen Blitz darstellte, verpasste dem Wohnviertel zwischen Warendorfer Straße und Schiffahrter Damm den Spitznamen „Blitzdorf“.


Eine Fahrt kostete zunächst zehn Pfennig: „…mit der Berechtigung zum einmaligen Umsteigen von einer Linie zur anderen ohne Zuschlag. Ein Kind auf dem Arm ist frei, für zwei solcher Kinder ist ein Fahrschein zu lösen.“


Für den technischen Fortschritt  musste man aber auch Opfer bringen. Da gab es die berühmt-berüchtigte „heulende Kurve“:
Die Stelle, an der die Gleise von der Salzstraße zum Alten Steinweg hinüberschwenkten.
Sie  hatte einen besonders engen Kurvenradius, was dazu führte, dass durch das Fräsen der Spurkränze an den Schienenflanken ein heulendes Geräusch entstand, das die Anlieger mit der Zeit völlig entnervte.


So wendete sich auch die Inhaberin des Hotels „Rheinischer Hof", Frau Tüshaus, im September 1903 mit folgendem Schreiben an den Baurat Merckens. „Hierdurch möchte Sie ergebenst davon in Kenntnis setzen, dass ihre Motorwagen besonders, bei trockenem Wetter, beim Passieren der vor meinem Hause liegenden Kurve ein derartiges Heulen und Knirschen verursachen, dass mir die Benutzung der nach dieser Stelle liegenden Logierzimmer unmöglich ist... Das Heulen ist zeitweise so stark, dass man in den Hotel- und Restaurantsräumen tatsächlich sich nicht verstehen kann, der Aufenthalt dort wird meinen Gästen aufs Äußerste verleidet, der ruhigste Mensch muss auf die Dauer nervös werden. Ich ersuche ergebenst eine wirksame Abhilfe veranlassen zu wollen."
Der guten Frau Tüshaus wurde mitgeteilt, dass die Betriebsleitung der Straßenbahn angewiesen worden sei, „den Übelstand“ zu beseitigen. Die Betriebsleitung wiederum versicherte nun, dass die Streckenwärter auf diese Kurve besonders aufmerksam gemacht worden seien. Nun waren alle informiert und in der Kurve heulte es weiter.
Während der Weltwirtschaftskrise kletterte der Fahrpreis auf  wahnsinnige zehn Mark.
1922 bis 1924 fuhr gar keine Straßenbahn, wegen Totalpleite. 
Danach konnte aber sogar mit einem zweigleisigen Streckenausbau begonnen werden.


Die Anwohner der Salzstraße kriegten die Krise, da der ohnehin schmale Verkehrsweg weiter eingeengt wurde. Und die „Heulende Kurve“ blieb ihnen bis zum Schluss erhalten.
Am 24. November 1954 ruckelte die letzte Straßenbahn durch Münster.


Mit der „Elektrischen“ verschwand auch das Hinweisschild: "Damen mit ungeschützten Hutnadeln ist die Benutzung der Straßenbahn nicht gestattet".