Kaffeeklatsch

Sobald die erste Frühlingssonne gemeldet wird, stürmen die Münsteraner das, was man neudeutsch als „Außengastronomie“ bezeichnet.


Dieses merkwürdige Verhalten von Städtern in der Frühlingszeit hat eine lange Tradition. Bereits zur Kaiserzeit belagerten die Menschen bei der kleinsten Auflockerung der Wolkendecke die Gärten der Kaffeewirtschaften.


Es gab sogar „Kaffee-Klübkes“, deren Mitglieder auch bei Wind und Wetter in die Kaffeehäuser flitzten.  Zu den ersten und feinsten Häusern am Ort gehörte das Cafe „Zum Himmelreich“ auf der Aa-Insel. Mit Eisbahn, Badeanstalt und Spielplatz. 1836 gab Konditor Johann Gaudenz Steiner im Münsterischen Intelligenzblatt bekannt, „dass wir in hiesiger Stadt, Spiekerhof 40, eine Schweizer Conditorei, Chocolade- und Liqueur-Fabrik mit Hefen- sowie feine Confekt-Bäckerei eröffnen werden“. Das Cafe zog später zum Prinzipalmarkt um und wurde 1894 von Otto Schucan übernommen. Später nippten sogar  berühmte Leinwandhelden wie Ruth Leuwerik oder Gert Fröbe hier stilvoll an ihrem Mokka.


Immer wieder sonntags setzte sich der Tross der Kaffeeliebhaber von Münster aus in alle Richtungen in Bewegung. Besonders angesagt waren die zahlreichen Kaffeewirtschaften im Grünen. Da die Leute weder Pferdekutsche noch Drahtesel besaßen, mussten die Lokale an einem Nachmittag gut zu Fuß erreichbar sein. Sehr beliebt waren auch die Kaffeehäuser entlang des Max-Clemens-Kanals. In den mit Stühlen und Tischen aufgehübschten Bauerngärten gab es Kaffee und Kuchen, Bauernstuten mit fingerdicker Butter, Schinkenbrote, deftige Pfannkuchen, Stippmilch und natürlich Bier und Wein. Man konnte aber auch seine mitgebrachten Butterbrote mampfen und wer es sich nicht leisten konnte, eine „Familienkanne“ Kaffee zu bestellen, der brachte seinen Kaffee oder Muckefuck im Tütchen mit und ließ sich für einen Groschen eine Porzellankanne mit heißem Wasser bringen.


Da es noch keine Heizpilze gab, durfte man sich bei miesem Wetter in der „besten Stube“ der Gastgeber wieder auftauen. Die Kaffeewirtschaft des Hofes Dor an der Gasselstiege steuerten die männlichen Gäste wegen eines besonders süßen Sahneschnittchens gerne an. Liesbeth, die Tochter des Hauses, galt als „das schönste Wicht im Münsterland“. Sie soll sogar einmal mit dem damaligen Kronprinzen und späteren Kaiser Wilhelm I. getanzt haben.


Auch die Kaffeewirtschaften am Dortmund-Ems-Kanal wurden von den Massen gestürmt. Besonders „in“ war das Lokal „Zur Schleuse“. Hier am Kanal konnten die Gäste paddeln, baden, und kleine Segelboote mieten. Meistens unternahmen die Familien ihre sonntäglichen „Kaffeewallfahrten“ zu Fuß, aber manchmal auch mit einer Pferdedroschke, die zwischen Prinzipalmarkt und Nobiskrug verkehrte.


Als dann noch 1878 die Strecke der Eisenbahn nach Telgte und Warendorf in Betrieb genommen wurde, gab´s in Handorf regelrechte Kaffeeschlachten. Alleine Haus Vennemann bot auf seiner Kaffeeterrasse direkt an der Werse Platz für 1200 Gäste. Der Münsteraner Johannes Schröder beschrieb die Szenerie so: „Erst vereinzelt, dann immer größere Massen von den dem Schwitzbad im Zuge Entronnenen werden sichtbar. Im Garten tobt die Kaffeeschlacht. Unmassen des braunen Getränkes werden konsumiert. Berge von Kuchen und Brot gehen den Weg alles Vergänglichen.“


In Mecklenbeck warb die Gastwirtschaft Appels, „hart an der Weseler Chaussee“ für ihre Kegelbahn und ihre schönen Gartenanlagen. Neben Altbier wurde hier auch Bairisch Bier ausgeschenkt.


Bei Lohmann, nicht weit entfernt, spielte der Männergesangsverein plattdeutsche Stücke.  Auch hier kam es immer wieder an sonnigen Sonntagen zu tumultartigen Zuständen im Kaffeegarten, beziehungsweise zu erbitterten Kämpfen um die Sitzplätze. Lohmanns hatten draußen eine überdachte Kegelbahn und Schießstände. In den gärtnerischen Anlagen hinter dem Haus graste Damwild. Das Cafe war gleichzeitig die Poststelle von Mecklenbeck und besaß das einzige öffentliche Telefon.


Am ersten Pfingsttag 1883 eröffnete „Der kleine Günther“ die Werse-Dampf-Schiff-Fahrt und schipperte zwischen Sudmühle und Pleistermühle hin und her. Der Preis für eine Fahrt kostete 50 Pfennig, das Retourbillett 75 Pfennig. Da die Werse bei schönem Wetter wie ein Magnet die Sonntagsausflügler anzog, platzte das kleine Handorf nun endgültig aus allen Nähten. Das Örtchen bekam den Spitznamen  „Dorf der großen Kaffeekannen“ verpasst. Erst wenn die Sonne unterging, setzen sich die Massen wieder in Bewegung und verließen schlagartig das
„reizende Werse-Nest“. Der Chronist Johannes Schröder: „Endlich bricht man auf. Alles sammelt sich an den beiden Bahnhöfen Sudmühle und Handorf. Ein Zug braust heran. Ein Sturm auf die Coupétüren und in drangvoll fürchterlicher Enge beschließt eine fidele Heimfahrt den fidelen Tag.“