Liebe Leserin, lieber Leser,

ums ,Aegidiiviertel' hatte ich bislang einen großen Bogen geschlagen. Vom Umfang her befürchtete ich, dass das übliche Format meiner Bildgeschichten gesprengt werden würde, ...was letztlich auch der Fall ist. Nach einem Spaziergang durch das Viertel begann ich mit den ersten Zeilen, und dann ging es Schritt für Schritt voran.

 

Jetzt freue ich mich, Ihnen das Ergebnis präsentieren zu können.

 

Ihr Henning Stoffers


Das Aegidiiviertel: Kirche - Kaserne - Markt

Die Aegidiistraße um 1900
Die Aegidiistraße um 1900

Die Aegidiistraße mit ihren Gässchen liegt im Herzen Münsters. Das Aegidiiviertel war bis zur Kriegszerstörung geprägt von noblen Bürgerhäusern, Adelshöfen, kirchlichen Gebäuden und Häusern schlichter Bauweise. Die Aegidiistraße ist keine Flaniermeile wie der Prinzipalmarkt, und sie ist auch nicht vergleichbar mit den Einkaufsmeilen Ludgeri- und Salzstraße.

 

Das jahrhundertelang gewachsene und arg zerstörte Stadtviertel zeigt sich heute wieder lebendig und auch kunterbunt.

Geschichte der Kirche, der Straße und der Kaserne

Die Aegidiikirche um 1900
Die Aegidiikirche um 1900
Die Aegidiikirche um 1950
Die Aegidiikirche um 1950

Die heutige Aegidiikirche war ursprünglich eine Klosterkirche der Kapuziner. Johann Conrad Schlaun hatte das Gebäude in den Jahren 1724 bis 1728 umgebaut und erneuert.

 

Nach Abriss der schräg gegenüber liegenden alten Aegidiikirche mit allen darauf befindlichen Gebäudeteilen übernahm die Klosterkirche die neue Funktion als Pfarrkirche St. Aegidii.

 

Die Kirche hat den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden.

Außenansicht der Aegidiikaserne
Außenansicht der Aegidiikaserne
Kasernenhof
Kasernenhof

Die Aegidiistraße mit ihrem Umfeld hat eine lange Geschichte hinter sich. Sie war einst ein frühmittelalterlicher Handelsweg. Über die Jahrhunderte änderte sich der Straßennamen, wie z.B. in frühesten Jahren auf Niederdeutsch: Sanct-Iliens-Straße (Sanct-Aegidius-Straße), unter den Täufern: Königinnenstraße und später bis heute: Aegidiistraße. Die Straße führte direkt von der Rothenburg zu einem Stadttor, dem Aegidiitor.

Namensgeber der Kirche ist der Hl. Aegidiius, der zu den 14 Nothelfern zählt. Ihm werden Hilfe und Linderung bei Geisteskrankheiten und Fieberwahn zugeschrieben.

Stadtplan 1864 . Ausschnitt
Stadtplan 1864 . Ausschnitt

Auf dem großen Vorplatz der Kaserne fanden vielfältige Veranstaltungen statt, unter anderem auch der münstersche Send.

 

Ab 1918 waren in der Kaserne die Polizeischule und ein militärisches Versorgungsamt untergebracht.

Alerdinckplan 1636 - Ausschnitt
Alerdinckplan 1636 - Ausschnitt

Die ursprüngliche Aegidiikirche und ein Kloster der Zisterzienserinnen standen einst dort, wo sich heute der Aegidiimarkt befindet. Im Jahre 1821 stürzte die marode Kirche ein. Das Grundstück mit den noch vorhandenen Gebäuden des Klosters wurde geräumt, um es mit einer Kaserne, der Aegidiikaserne, für 1500 Soldaten zu bebauen. Die Soldaten wohnten vor der Kasernierung privat in den Häusern der Münsteraner - und dies zu deren großem Leidwesen - und später auch in Klöstern, die nach 1810 aufgelösten worden waren.

Die Aegidiikaserne
Die Aegidiikaserne

1943: Im Hintergrund die beschädigte Aegidii-Kaserne - Heimlich, unter Strafe  fotografiert
1943: Im Hintergrund die beschädigte Aegidii-Kaserne - Heimlich, unter Strafe fotografiert
Die zerstörte Aegidiikaserne im Oktober 1943 - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster
Die zerstörte Aegidiikaserne im Oktober 1943 - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster
Das trümmerbefreite Grundstück 1950er Jahre - Foto Cekade
Das trümmerbefreite Grundstück 1950er Jahre - Foto Cekade
Parkplatznutzung  um 1970 - Foto Alfred Kaup
Parkplatznutzung um 1970 - Foto Alfred Kaup

Nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg wurde das Grundstück ab Mitte der 50er Jahre als Parkplatz genutzt.

 

Ein Wiederaufbau der Kaserne war selbstverständlich ausgeschlossen, und der viel diskutierte Bau einer Markthalle verlor das Rennen. Stattdessen entstand 1975 das Wohn- und Geschäftshaus Aegidiimarkt mit einer zehngeschossigen Tiefgarage.

Der Aegidiimarkt 2018
Der Aegidiimarkt 2018

Die Bauarbeiten verursachten massive Probleme. Da sehr tief - 18 Meter - für die unterirdischen Geschosse der Garage gegründet wurde, muss das hochstehende Grundwasser laufend abgepumpt werden.

 

Durch die Senkung des Grundwasserspiegels entstanden Schäden an Gebäuden der Nachbarschaft. Dies führte zu langen Schadensersatzprozessen. Im Übrigen befindet sich im 10. Untergeschoss ein Zivilschutzbunker für 3.000 Menschen. Daneben gab es auch eine Schießanlage, in der früher die Kunden der Firma Kettner Jagdwaffen ausprobieren konnten. - Mehr finden Sie in Martina Meißners Beitrag ,Aegidiimarkt'.

Die Aegidiistraße

Die Aegidiistraße stadtauswärts um 1910 - Rechts der Landsberger Hof (mit Balkon)
Die Aegidiistraße stadtauswärts um 1910 - Rechts der Landsberger Hof (mit Balkon)
Die Aegidiistraße mit Kaserne - Ansichtskarte um 1900
Die Aegidiistraße mit Kaserne - Ansichtskarte um 1900
Die Aegidiistraße im Oktober 1943 - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster
Die Aegidiistraße im Oktober 1943 - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster

Nach Bombenangriff 1943 - Aegidiistraße
Nach Bombenangriff 1943 - Aegidiistraße

Die jahrhundertealte Bausubstanz vieler Fachwerkhäuser bot gegen die Bombardierungen besonders wenig Widerstand. Die Gebäude stürzten wir Kartenhäuser in sich zusammen. Zurück blieben nur Haufen von Schutt, Holzbalken und Hausrat. Das nebenstehende Foto dokumentiert dies eindrucksvoll.

 

Die alte Aegidiistraße war vor der Zerstörung eng und schmal. Nach der großflächigen Zerstörung wurde sie verbreitert wieder aufgebaut.

Beerdigt wurde zunächst auf dem Kirchhof der Aegidiikirche, ab etwa 1780 im zugeschütteten Befestigungsgraben zwischen Ludgeri- und Aegidiitor und ab etwa 1810 bis 1886  auf dem Aegidii-Ludgeri-Friedhof vor den Toren der Stadt. - Heute steht dort die Antoniuskirche.

Auszug Einwohnerbich 1909
Auszug Einwohnerbich 1909

Die Einwohnerbücher um 1900 geben Auskunft über die Struktur der damaligen Bewohner des Aegidiiviertels. Es waren Handwerker, Gastwirte, Arbeiter, Pensionäre, Kaufleute und auch Adelige. Nicht verwunderlich ist die große Zahl der Gaststätten, die gleichzeitig Bäckereien und Brauereien waren.

 

Neben prachtvollen Gebäuden, wie dem Landsberger Hof, gab es Anwesen gehobener Bürgerlichkeit, aber auch sehr schlichte, ärmliche Häuser.

 

Der Landsberger Hof war von Johann Conrad Schlaun umgestaltet worden und diente beim Kaiserbesuch 1907 als Quartier für adelige Gäste.

Straßenszene vor dem Landsberger Hof
Straßenszene vor dem Landsberger Hof
1980er Jahre - Fotograf unbekannt
1980er Jahre - Fotograf unbekannt

Vormals Landsberger Hof, später Tankstelle mit Wohnhaus und jetz Wohnhaus
Vormals Landsberger Hof, später Tankstelle mit Wohnhaus und jetz Wohnhaus

Nach dem Krieg entstand an dieser Stelle ein nüchternes, funktionales Wohnhaus mit einer Tankstelle - der Aegidii-Tankstelle -  im unteren Bereich des Hauses. Das Gebäude mit der Tankstelle existiert inzwischen ebenfalls nicht mehr. An dieser Stelle ist ein neues Mehrfamilienhaus entstanden. - An den Landsberger Hof erinnert heute nichts mehr.

Altbierbrauerei Mackenbrock Aegidiistraße 47 - Ansichtskarte um 1900
Altbierbrauerei Mackenbrock Aegidiistraße 47 - Ansichtskarte um 1900
Blick von der Mühlenstraße um 1950, rechts die Gasolin-Tankstelle
Blick von der Mühlenstraße um 1950, rechts die Gasolin-Tankstelle
Von etwa gleicher Stelle aus 2017 fotografiert
Von etwa gleicher Stelle aus 2017 fotografiert

Vom Gesellenhaus zum Stadthotel

Auf ihren Wanderungen übernachteten  Handwerksgesellen anfangs in Klöstern, später in Herbergen der Bäcker und Brauer. In Münster errichtete ein katholischer Gesellenverein 1852 am Domplatz eine Herberge für wandernde Gesellen. 1906 erfolgte der Umzug zur Aegidiistraße und hieß alsdann ,Kolpinghaus'. Nach dem Umbau heißt die Unterkunft nunmehr ,Stadthotel'.

Ansichtkarte anlässlich des 50jährigen Bestehens 1902
Ansichtkarte anlässlich des 50jährigen Bestehens 1902

Die Nebenstraßen

Stadtplan 1864
Stadtplan 1864

Die Aa bildet westlich der Aegidiistraße eine natürliche Grenze, so dass nur die Mühlenstraße im Süden der Aegidiistraße in diese Richtung führt. Zur anderen Seite hin sind es die Lütke Gasse, der Aegidii-Kirchplatz (bis 1873 Kapuziner Gasse), die Breite Gasse, die Grüne Gasse, die Schützenstraße und die Wallgasse.

 

Der Name der Schützenstraße steht in enger Verbindung mit den damaligen Befestigungsanlagen. Die Straße gehörte zum mittelalterlichen Wegenetz und erinnert an die alten Aaschleusen zur Regulierung der Wasserstände der Gräben und an den Schüttenwall, der Übungsplatz für Schützen war.

Eine Wassermühle des Bispinghofs fand erstmals im Jahre 1217 Erwähnung und wurde Namensgeber der Mühlenstraße.

 

Der Name der Grünen Gasse deutet darauf hin, dass diese Straße einst wenig befahren oder begangen wurde, so dass Grünwuchs sich ausbreiten konnte (Deutung Wilhelm Kohl in der MZ-Serie von 1957). Außerdem rankt sich um die Grüne Gasse (Grone Stige) die (wohl nicht haltbare) Legende, sie sei in Zeiten der Pest einmal zugemauert worden, sich selbst überlassen, deshalb wäre sie so grün zugewachsen. Dies berichtete mir die Türmerin Martje Saljé. - Die Wall Gasse verlief parallel zum Wall der Befestigungsanlage und bekam deshalb diesen Namen.

Gaststätte, Biergarten und Brauhaus Beisenkötter in der Breiten Gasse um 1900
Gaststätte, Biergarten und Brauhaus Beisenkötter in der Breiten Gasse um 1900

Das Haus der Fürstin Amalie von Gallitzin

Zeichnung Johannes Rödiger - ULB Münster
Zeichnung Johannes Rödiger - ULB Münster

In der Grünen Gasse stand ein einfach wirkendes, langgestrecktes Bürgerhaus mit einem Mittelgiebel. Es war im Besitz der Familie Droste zu Vischering und wurde 1780 von der Fürstin Amalie von Gallitzin erworben. Sie nutzte es als Stadthaus. Ihr weiterer Wohnsitz befand sich in Angelmodde.

 

Um die Fürstin versammelten sich die Intellektuellen und die damalige schöngeistige Elite. Goethe besuchte sie in der Grünen Gasse.

 

Auch der Philosoph Johann Georg Hamann verkehrte im Hause der Fürstin. Am 21.6.1788 wollte Hamann seine Heimreise nach Königsberg antreten, als er verstarb. Für einen evangelischen Christen war eine Beerdigung im katholischen Münster problematisch. Es gab keinen Friedhof für diese Glaubensangehörigen. Seine Leiche wurde im Garten der Fürstin - es war ihr großer Wunsch - beigesetzt. Nach deren Tod verkam der Garten zu einem Kartoffelacker. Die Umbettung der Leiche auf den Überwasserfriedhof kam auf Anweisung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zustande. Der Grabstein erinnert auch heute noch an den großen deutschen Philosophen.

 

Die Fürstin starb 1806 und wurde in Angelmodde beigesetzt.

 

Dort, wo einst ihr Wohnhaus stand, befindet sich heute das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium.

Und heute...

Das Stadthotel, vormals Kolpinghaus
Das Stadthotel, vormals Kolpinghaus

Die Aegidiistraße ist heute eine wichtige Zufahrtsstraße ins Stadtinnere und wird von Fußgängern, Radfahrern und Autos stark frequentiert.

 

Restaurants und kleinere Geschäfte sind rechts und links der Straße - wie früher - zu finden. Vom Charme des alten Aegidiiviertels ist allerdings nichts geblieben. Einfache Nachkriegsbauten wurden der Not gehorchend  schnell und billig erstellt. Zwischenzeitlich wird das eine oder andere Gebäude in einer architektonisch ansprechenden Form ersetzt.

Blick stadteinwärts, links der Aegidiimarkt, im Hintergrund das LWL-Museum
Blick stadteinwärts, links der Aegidiimarkt, im Hintergrund das LWL-Museum

Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Abbildungen wenn nicht anders angegeben: Sammlung Henning Stoffers