Lieber Leserin, lieber Leser,

was ist der Wunsch eines Siebenjährigen? Bei mir war es vor mehr als 65 Jahren ein Atlas, den ich heiß ersehnte. Was geschah, lesen Sie in der kleinen Geschichte.

 

Ihr Henning Stoffers


Ein Atlas war zu gewinnen - Die große Enttäuschung

Mit 7-8 Jahren
Mit 7-8 Jahren

Beeindruckt war ich als kleiner Junge von dem Globus, der in unserem Wohnzimmer stand. Ich sah die Kontinente aus den Ozeanen auftauchen. Kleine, einsame Inseln - von gewaltigen Meeren umgeben - erschienen im Vergleich zu den riesigen Landmassen wie Fliegendreck. Wenn dann die innenliegende Beleuchtung des Globus angeknipste wurde, traten die Grenzen der verschiedenen Länder hervor. Gebirgszüge, die zuvor deutlich erkennbar waren, verschwanden und wurden durch die unterschiedliche Farbigkeit der Staatsgebiete ersetzt.

 

Ferne Länder, Wüsten und Gebirge beförderten meine Phantasie... Ich war fasziniert von den Gebilden der Inselketten der Alëuten und der Florida-Keys, deren Bezeichnungen ich damals gar nicht kannte. Es hatte etwas Geheimnisvolles und Unerreichbares.

 

Und so war für mich nichts naheliegender, selbst einen eigenen Atlas besitzen zu müssen, auf den nur ich Zugriff hatte.

Meine große Enttäuschung

Es war in der Fastenzeit vor Ostern. Ich war 7  Jahre alt und hörte, wie der Pfarrer von der Kanzel predigte, dass jeder Gläubige einen Atlas und damit den direkten Weg in den Himmel gewinnen könne. Man müsse nur einige Gebete sprechen und Gutes tun.

 

Der Gewinn eines Atlas war für mich höchst begehrenswert. Das Beten sah ich mehr oder weniger als reine Formsache an, und mit der Erledigung von Einkäufen und dem Abtrocknen von Geschirr tat man bereits viel Gutes.

 

Das Vermeiden der Höllenverdammnis oder des Fegefeuers besaß für mich keinen Stellenwert; das hatte nun wirklich noch Zeit.

 

Dann kam die Stunde der Wahrheit. Wie groß war meine Enttäuschung, als mir klar wurde, dass kein Atlas, sondern lediglich ein Ablass zu gewinnen sei. Etwas mir Unbekanntes, nicht Greifbares und in ferner Zukunft Liegendes war vom Pfarrer versprochen worden. 

 

Ein Hörfehler war die Ursache für das Missverständnis.

Ablass bei Vereinsmitgliedschaft


Das gab's 1954: Eine Mitgliedschaft in dem Klemens-Hofbauer-Hilfswerk war mit Vorteilen verbunden. Unter anderem gab es Ablässe in verschiedenen Formen und zu diversen Anlässen. Der Ausweis wurde für einen jungen Münsteraner aus Kinderhaus ausgestellt.

PS

Mein Faible fürs Geographische hat mich nie ganz losgelassen. - Als Mitzwanziger konnte ich einen Globus als mein Eigen nennen.

 

In späteren Jahren ließ sich ein alter Traum erfüllen. Meine Frau und ich bereisten die Florida-Keys.


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Abbildungen: Sammlung Henning Stoffers