Liebe Leserin, lieber Leser,

Dr. med. Frank-E. Skrotzki hat seine Kindheitserinnerungen in zwei Teilen niedergeschrieben, die insbesondere durch Detailreichtum bestechen. Er schreibt humorvoll, plastisch und authentisch. Seine Beschreibung ist ein Zeitdokument der originellen Art.

 

Frank kenne ich seit etlichen Jahrzehnten, und ich freue mich, ihn auf meiner Seite vorstellen zu dürfen.

 

Hier nun Teil 1 seiner Erinnerungen. Teil 2: Klick

 

Ihr Henning Stoffers


Dr. med. Frank-E. Skrotzki - Erinnerungen

Steinfurter Straße - Klein Luxemburg - Teil 1

Meine Mutter vor dem Haus Sr. 172, mit typ. Pill Box und Pelzmantel, VW hatte noch Kennzeichen BR 988612 1955
Meine Mutter vor dem Haus Sr. 172, mit typ. Pill Box und Pelzmantel, VW hatte noch Kennzeichen BR 988612 1955

Wer kennt in Münster noch Klein – Luxemburg?

 

Als meine Eltern mit mir 1950 nach Münster kamen und dessen Bewohnern wurden kannten sie diesen damals abseits liegenden Stadtteil natürlich auch nicht. Daher möchte ich ihn in Erinnerung rufen.

Vorab: warum er so hieß, liegt im Dunklen. Ich weiß es auch nicht.

 

Zuerst möchte ich sein Territorium beschreiben. Fuhr man die Steinfurter Straße stadtauswärts auf der B 54, ging diese in eine enge, stark gewölbte Blaubasaltstraße über, die zudem etwa ab der heutigen Kreuzung mit den Ringen, von einer prächtigen Allee aus uralten Kastanienbäumen eingeengt wurde, die im Frühjahr eine herrliche Blütenpracht zeigten. Ich möchte das als Grenzgebiet beschreiben. Damit war schon optisch und auch physisch eine Trennung Klein – Luxemburgs, das etwa ab dem alten Schützenhof begann, von der Stadt Münster gegeben.

 

Dann überquerte eine Brücke einen kleinen Bach, dessen Name mir entfallen ist und den ich im Nachhinein als Grenzfluss betrachten möchte. Doch schon im Bereich der heutigen Kreuzung begann eine deutliche Abgrenzung, denn den Kastanien vorgelagert, lagen stadtauswärts rechts die „Milke-Berge“. Ja: Berge, denn es handelte sich um einen hügeligen Bereich, der auch in die Tiefe ging, was damit zusammenhing, dass dort die Firma Milke aus Hamm einst Sand gewonnen hatte. Dort zog sich nämlich der Geestzug hin, auf dem auch bewusst die Germania-Brauerei lag, die daraus ihr klares Wasser zum Brauen bezog (wie übrigens auch die Westfalia-Brauerei/Ritter-Brauerei an der Geist (Geest!) Straße.

Meine Konfirmation mir Schlips im Garten - Steinfurter Str. 172  - 1957
Meine Konfirmation mir Schlips im Garten - Steinfurter Str. 172 - 1957

In den Bergen spielten wir gerne, den man konnte dort Indianer spielen und dergleichen. Das hatte auch Altersgenossen aus der Dreizehner-Kaserne entdeckt, die darin mit ihre Eltern als Flüchtlinge aus dem Osten Europas untergebracht waren. Wir wollten ihnen, diesen Fremden, die so „komisch“ sprachen, das jedoch nicht zugestehen und so kam es immer wieder zu Rangeleien mit wechselndem Kampfesglück.

 

Wenn wir uns zurückziehen mussten und zurück in unser Reich jenseits der Kastanien und des Baches kamen, begannen dann gleich die Wohnblocks. In einem befand sich ein kleines Lebensmittelgeschäft, das von Erich Wandt geführt wurde. Heutzutage völlig unvorstellbar, dass sein Angebot in dem kleinen Verkaufsraum ausreichte. Größere Mengen oder Dinge, die nicht so häufig gingen, waren in einem Raum dahinter gelagert.

 

Aber, was brauchte man damals schon?! Je nach Saison verschiedene Kohlsorten, Margarine und für festliche Anlässe auch Butter, ein paar Käsesorten, lose Milch, die in mitgebrachte Behälter abgefüllt wurde, auch mal etwas zu rauchen, z.B. Ova, Juno. Es gab von den 4-er Packs Bali, bis zu den teuren Simon Arzt fast alles, worüber sich die vielen Raucher freuten. War man Anhänger orientalischer Tabake rauchte man auch Senoussi, während der Fan der Virginia Ernten für Player`s Navy Cut schwärmte.

 

Verkauft wurden auch Tütensuppen von Knorr und Maggi. Für den täglichen Bedarf wurden namenlose Nudeln, Gries, Salz, Zucker, Erbsen, Graupen, Sago (wer kennt das noch?) und dergleichen in spitze Tüten gefüllt, in eine Vorrichtung an der Waage gehängt und abgewogen abgegeben. Für Brot und Brötchen, die etwa 3 Pfennig kosteten, war selbstverständlich auch täglich frisch gesorgt.

 

Und natürlich gab es auch Getränke. Einzelne Flaschen Bier und Wasser wechselten den Besitzer. Von wegen ganze Kästen! Dazu reichte das Budget in der Regel nicht. Es gab auch schärfere Sachen für besondere Anlässe, Mariacron oder den teuren Dujardin, auch, um mal die damals im Sommer so beliebte „Kalte Ente“ etwas zu intensivieren.

Dom mit Zaun 5.9.1954
Dom mit Zaun 5.9.1954

Wir Kinder hatten einen besonderen Grund, uns mit Onkel Erich gut zu stellen. Einmal in der Woche kam der Lieferwagen, manchmal ein dreirädriger Tempo Matador, für Margarine und dann hieß es bald ein liebes, bettelndes Gesicht aufzusetzen, da mit der Lieferung auch die von uns gesammelten Margarinebilder für die Alben über alle Kontinente, Karl May oder Serien, die wir nicht so schätzten, kamen. - Nun, im Nachhinein muss ich sagen, dass ich einige Alben komplett hatte.

 

Weiter stadtauswärts an einem abzweigenden Weg war an der Ecke die Gaststätte Bussmann, die wohl eher eine Kneipe war und wohl auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, denn im Garten waren noch Reste eines Gartenlokals erkennbar. Dort gab es an der Theke, wie damals fast überall, wo sich Männer nach der Arbeit zum Bier trafen, die legendäre und leckere Novesia Goldnuss Schokolade, welche die Männer einerseits für die sie begleitenden Kinder zur Ruhigstellung kauften, oder, wenn sie allein etwas zu spät und schwankend nach Hause kamen, ihren Ehefrauen als Trostpflaster mitbrachten.

 

Dann war da das obligatorische große Glas mit den in einer trüben Brühe schwimmenden Soleiern, oder die knochenharten Frikadellen, die eher als Türstopper zu benutzen waren, als zum Verzehr. Schließlich stand da die Glaskugel, in deren Sockel man 10 Pfennig werfen konnte, um dann mit einem kurzen Dreh an einem Hebel, einige der in der Kugel befindlichen bunten, knickerartigen, süßen Kugeln zu erhalten. Es waren mit Zucker ummantelte Erdnüsse. Ja, und dann gab es kleine Stangen mit VIVIL- Pfefferminze oder PEZ-Bonbons in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

 

Hier also trafen sich die meisten männlichen Bewohner unseres kleinen Territoriums.

 

Einer meiner Freunde hasste es, dort fast täglich seinen angetrunkenen Vater abholen zu müssen, um ihm den Weg nach Hause zu weisen. Er empfand es als Spießrutenlauf. Dort blieb das wenige Geld, das die Mutter mühsam aufbesserte, indem sie für die Nachbarn in der Küche, dem in der Woche einzigen geheizten Raum, jede Art von Näharbeiten ausführte.

 

An die geschilderte Kneipe schloss sich ein Nahkriegsneubau an, in dem sich die Gaststätte Schnetmann befand. Diese war deutlich moderner und gepflegter. Dorthin ging man auch mal zum Essen und Feiern. Eine Besonderheit bei Schnetmann war die Spellmann Kegelbahn, die stark frequentiert war. Hier verdiente ich mein erstes regelmäßiges Geld durch Kegelaufstellen, eine schweißtreibende Arbeit.

Einsamer Kiepenkerl 5.9.1954
Einsamer Kiepenkerl 5.9.1954

Im Sommer gab es natürlich bei der Kartoffelernte auch etwas zu verdienen, wobei wir es liebten, die letzten Kartoffeln noch auf dem Feld im brennenden Kartoffelstroh zu garen und sie dann an ein einem Stöckchen heiß zu verzehren. Ein Genuss! Es kam somit immer etwas zusammen, für die kleine Spardose aus Metall, die einem Briefkasten nachgebildet war und von der Postsparkasse herausgegeben war.

 

Ja, und danach waren Feld und Stadtgrenze, hinter der wir in der Nr. 172 wohnten – dort, wo heute die große Westfalen-Tankstelle seht.

 

Die Wohnung in dem Haus, das mit Trümmersteinen wieder hergestellt war, hatten meine Eltern mit Glück und einer unglaublich hohen Kaution von 10.000 Mark bekommen. Dieses Geld hatten wir nur, weil meine Mutter eine Entschädigung für einen sehr schweren Unfall 1946 erhalten hatte. Trotz der offensichtlichen Kriegsschäden an dem Haus waren wir sehr glücklich.

 

Geheizt wurde mit Koks; wofür ich zuständig war. Ein blöde Arbeit! Morgens war der Ofen aus und jedes Mal völlig verschlackt. Also vor der Schule: Drecksarbeit bis es langsam in der Wohnung warm wurde.

 

Dann wollte mein Vater endlich als Arzt arbeiten. Aber das war nicht so leicht. Es gab viele von ihnen, zumal auch immer mehr aus der Gefangenschaft zurückkamen. Ihm wurde die Niederlassung als Kassenarzt zusätzlich verweigert, mit der offiziellen Begründung eines in Münster bekannten Ärztefunktionärs, Dr. E.: in Münster kommen erst katholische Ärzte zum Zug! Nun, und da war mein Vater auf der falschen Seite!

 

Schließlich erhielt er die Zulassung für die Ersatzkassen und er eröffnete schon mal seine Praxis! Wo? In unserer Wohnung! Heutzutage unfassbar! Der Flur wurde zum Wartezimmer und im sog. Herrenzimmer fand die Sprechstunde statt.

 

Das bedeutete natürlich für meine Mutter und mich: frühes Aufstehen (ich kannte das ja schon wegen der Heizung), schnell über den Flur ins Bad, bevor die ersten Patienten klingelten. Dazu zählte übrigens auch die Dame, die für ihren Vorschlag zum Namen des neuen Kinos, das mittlerweile unter Denkmalschutz steht, den ersten Preis gewonnen hatte: Schlosstheater!

Schillergymnasium - Foto Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank Thie - Stadtarchiv)
Schillergymnasium - Foto Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank Thie - Stadtarchiv)

Als es noch den O-Bus gab, und das ev. Altersheim Martin-Luther-Haus auf der Roxeler Straße in einer Kaserne untergebracht war, zählte Herr von Renesse, der Ziegenbaron, zu dessen Bewohner. Ich erlebte öfters, dass der um 100 Jahre alte Herr an der Ecke Grevener/Steinfurter nur den Stock heben musste, um vom Bus mitgenommen zu werden - ohne Fahrschein. Am Altersheim wurde er abgesetzt. Zurück ging es genauso.

 

Unser Bus, dessen Endstation Wilkinghege war, hielt letztmals am Beginn der Kaserne - stadtauswärts- und nahm uns, besonders bei schlechtem Wetter, mit bis vor die Haustür, von wo wir auch immer wieder Richtung Stadt mitgenommen werden konnten.

 

Noch ein Wort zur Religion.

Damals war der Karfreitag als höchster evangelischer Feiertag zwar arbeitsfrei, aber da die Protestanten dann unbedingt Fisch aßen, hatten die Fischgeschäfte einige Stunden geöffnet. Ich ging dann stadteinwärts, verließ Klein-Luxemburg, um bei Hill an der Ecke Steinfurter-/Grevener Straße Fisch zu kaufen. Aufgrund des Einkaufsnetzes war ich bei katholischen Mitbürgern geoutet, denn sie waren alle beschäftigt mit Putzen, Wäschewaschen und dergleichen und warfen entsprechende Blicke zu mir herüber. Das war damals noch so!

 

So waren wir 1953 auf dem Schlaun-Gymnasium in der Klasse 42 Schüler fast hälftig katholisch / evangelisch. Abitur in dieser Klasse haben 19 gemacht davon 17 katholisch. Ich war mittlerweile auch fort zum Schiller-Gymnasium, weil der Klassenlehrer mir vor Gericht bescheinigte, da mein Vater gegen das Sitzenbleiben klagte, ich sei so blöd, dass ich nicht mal Maurer werden könnte. - Recht hat er behalten, ich wurde es nie, sondern nur Augenarzt. Mit meiner alten Klasse habe ich aber bis heutzutage gute Kontakte.

Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank Thie - Stadtarchiv)
Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank Thie - Stadtarchiv)
Rabattbuch der Firma Hill zum Einkleben von Rabattmarken
Rabattbuch der Firma Hill zum Einkleben von Rabattmarken

Zurück zu Hill, mit dem Fisch und einigen Rabattmärkchen, die ich zu Hause in ein Heftchen klebte, machte ich mich zurück auf den Heimweg.

 

Stadtauswärts rechts, kam ich an einem alten Kasernengelände vorbei, wo zuerst der relativ große Coca-Cola-Abfüllbetrieb der Fa. Ingwersen lag, dann kam die Textilfabrik Schubert. Die Familie wohnte auch in diesem barackenähnlichen Gebäude. Daran an schloss sich ein kleiner Betrieb, dessen Besitzer in einem Wohnwagen wohnte. Dieser verwandelte sich jedoch langsam durch Umbauen und Vergrößern in ein veritables Wohnhaus!

 

Auf der anderen Straßenseite war eine kleine Tankstelle aus dunklen Klinkern entstanden, die bis zur radikalen Vergrößerung nie gefugt wurde. Eines Tages stand dort ein nagelneues Auto und daneben ein Schild, etwa so: Autorisierte Vertretung für Austin Fahrzeuge. Es war keine gute Geschäftsidee. Da war der Sohn des damaligen Besitzers schon erfolgreicher. Er entwickelte auf dem Gelände die Tankstelle und den Service weiter und wurde zu einem Namen bei Autofans in Münster: Otto Sohn.

 

Dann kam ich zu der angedeuteten späteren Kreuzung mit dem Ring, durch die Kastanienallee wieder in unser Gebiet. Betrat ich von zu Hause auskommend wieder Klein – Luxemburg auf der rechten Seite, war dort gleich die Reiterkaserne. Der erste Block lag in Trümmern. Herrlich für uns Kinder!

 

Irgendwo her hatten wir einen Bollerwagen und suchten immer wieder in den Trümmern nach Metall, das wir dann zu einem Schrotthändler auf der Melchersstraße brachten. Die Einnahme wurde dann ehrlich geteilt und mein Anteil wanderte wieder in den Minibriefkasten.

Reiterkaserne - Foto Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank Thie - Stadtarchiv)
Reiterkaserne - Foto Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank Thie - Stadtarchiv)

Das Kasernengelände bot uns ein riesiges Feld zum Spielen. Viele Garagen standen leer und es kümmerte sich niemand darum. So konnten wir auch im Regen trocken herumtoben.

 

Der einzige große Betrieb war die Westfälische Reit und Fahrschule unter der Leitung des Majors a.D. Paul Stecken. Unter Reitern ist er ein Begriff gewesen und ich empfehle bei Wikipedia nachzulesen, was er alles geleistet hat. Im Alter von 100 Jahren ist er 2016 gestorben. Ich war gerne in den Stallungen, sah den Reitern und ihrer Ausbildung zu, habe auch mal im Stall geholfen, nur auf einem Pferd habe ich nie gesessen, das war mir zu unheimlich.

 

Ich wurde aber von den Reitern auch mal zu den Auktionen in die Halle Münsterland mitgenommen, sah Günther Winkler und Reiner Klimke; erlebte wie letzterer sein erstes Pferd dort ersteigerte und wurde trotzdem nie Pferdenarr. Es war einfach schön, die Geräusche im Stall, das Klappern der Ketten, das Wiehern und Scharren. Vielleicht lag es auch daran, dass mich schon als kleinem Jungen der groß an die Wand gemalte Spruch in der Reithalle unbewusst stutzig machte: Reitersmann merk dir`s genau: erst das Pferd und dann die Frau. - Ich habe ihn bis heute behalten und sehe das völlig anders.

 

Verweisen möchte ich noch auf eine Freundschaft aus der Reitschule, dir mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Dort erschien nämlich jedes Jahr in den Ferien ein junger Spanier zum Unterricht: Vicente Montesinos. Er kam aus einer sehr begüterten Juristenfamilie in Valencia, damals für uns fast noch unerreichbar weit entfernt.

 

Eines Tages folgten wir der Einladung nach Spanien, was mit dem VW fast einer Expedition gleichkam, schlechte Straßen, in Spanien Benzin manchmal nur aus einem Fass bei einem Bauern u.s.w. Dann waren wir schließlich in Valencia und Vater Montesinos wollte uns etwas zeigen, das er uns zum Kauf anbieten wollte. Mit dem Auto fuhren wir in die Gegend von Calpe. Als wir ausstiegen sahen wir nur ockerfarbene, unbebaute Felder, mit vielen Steinen, das herrliche blaue Meer und wenige unscheinbare Siedlungen.

Domfestwoche - Rathaus nun mit Stadtweinhaus 1956
Domfestwoche - Rathaus nun mit Stadtweinhaus 1956

„Wenn ihr das alles haben wollt, was ihr hier seht, ist das für 15.000 Mark Euer Grund.“ Was für ein Angebot! Im vortouristischen Zeitalter, in dem noch nicht von Flugreisen und Massentourismus die Rede war. Da berührten meine Eltern der Hauch und die Chance der Geschichte. Gut, es war viel Geld aber die Rendite wäre millionenfach gewesen! Also ließen wir es. Es war ein Schwindel machendes Angebot, aber wer ahnte die Entwicklung!? Sechs Jahre zuvor war mein Stiefvater noch in Sibirien in Kriegsgefangenschaft gewesen! - Mein Freund Vicente wurde später Professor für Betriebswirtschaft an der Universität Valencia.

 

Eine weitere Bekanntschaft, die mir viel gebracht hatte, war die mit dem Sohn eines bekannten Münsteraner Lackfabrikanten, dessen Firma bis heute immer gewachsen ist. Der etwas ältere junge Mann und Reitschüler hatte etwas, was das Herz eine Jungen höher schlagen ließ, ein Fahrrad mit Hilfsmotor. Es sah aus, wie ein normales Fahrrad, hatte jedoch vor dem Lenker einen kleinen Benzinmotor mit ca 50-60 ccm, der über einen Keilriemen das Vorderrad antrieb. Und damit durfte ich immer wieder fahren  Das war ein traumhaftes Vergnügen.

Steinfurter Straße
Steinfurter Straße

Zurück zur Reitschule, raus aus dem Stall und auf die Straße! Ja, das ging noch! Heutzutage ist das dort lebensgefährlich. Und diese Straße vor der Kaserne war asphaltiert! Herrlich! Wir konnten da mit unseren Polar- oder Hudora- Rollschuhen laufen und wurden kaum gestört. Manchmal kamen Autos, auch noch Vorkriegs-DKW, Adler oder Opel P4, aber auch schon neue Mercedes 170 mit dem Kinderwagenverdeck oder ein Ford.

 

Jeden Morgen, fast zu gleichen Zeit, bog aus der Kaserne eine besondere Kutsche ab. Der offene Leichenwagen, von Rappen gezogen, noch ohne Sarg, der später überdacht dann zum Grab gefahren wurde. Auf den vier Ecken des Daches waren kleine Kreuze montiert. Der Kutscher war natürlich auch schwarz gekleidet und hatte einen Zylinder auf; bei nicht so gutem Wetter hatte er einen schwarzen Schurz über den Beinen.

Schnee (den gab es damals noch) im Garten Steinfurter Str. 172 1955
Schnee (den gab es damals noch) im Garten Steinfurter Str. 172 1955

Eine neue Abwechslung ergab sich für uns, als 1956 die Bundeswehr gegründet wurde und in einem Block der Kaserne ein Musikkorps einquartiert wurde, was uns Kindern Spaß machte, den Männern beim Marschieren mit Musik zuzusehen. Die Erwachsenen mögen das wohl teilweise mit gemischten Gefühlen betrachtet haben. Es war schon seltsam, wie die Uniformen aussahen, runde Stahlhelme und Jäckchen, die eher für Barmänner gedacht waren, als zum Beispiel für den Tambourmajor, wenn er sich reckte. Das weckte u.a. auch das Interesse von Leuten, die wir bisher gar nicht gekannt hatten. Es tauchten Autos der sowjetischen Militärmission in Bünde auf: Durchfallgrün und erkenntlich an den rot-gelben Schildern hinten und vorn:

Erschienen diese Autos, waren sie möglicherweise jenseits des ihnen erlaubten Bereichs, denn einmal stand ein Wagen der Feldjäger, ein DKW – Munga, hinter der Kasernenausfahrt etwas bedeckt und als der Sowjetwagen erschien, schossen sie aus dem Tor, was die Russen veranlasste sofort zu wenden und Gas zu geben. Sie suchten die Flucht stadteinwärts, und in Unkenntnis des Terrains glaubten sie, die angedeutete Kreuzung zum späteren Ring führe bereits jetzt dorthin. Sie bogen rechts ab und…. steckten tief im Schlamm fest. Ich konnte das beobachten, da ich dort gerade mit dem Fahrrad in der Nähe war. Die Feldjäger kamen und dokumentierten den Vorfall unter den betroffenen Gesichtern der Rotarmisten und zogen sie dann auf festen Untergrund, wie ich glaube.

 

Also, nun weiter stadteinwärts. Anschließend an die Kaserne befand sich ein Durchgang zu einem Hinterhof in dem sich die Schreinerei Gebr. Freise befand. Der Inhaber Friese hatte schon früh eine Marktlücke entdeckt. Die Deutschen begannen zu reisen.

 

Und er half ihnen dabei, sich unabhängig zu machen. Plötzlich standen in Serie Wohnwagenanhänger auf dem Bürgersteig, die wohl reißenden Absatz fanden. Was aus dem Unternehmen wurde, ist mir nicht bekannt. Später befanden sich in den Räumlichkeiten Studentenbuden, wo ich in einer von ihnen mit meiner Gruppe auch für das Examen büffelte.

Steinfurter Straße mit Reiterkaserne 1951
Steinfurter Straße mit Reiterkaserne 1951

Im anschließenden Haus befand sich der zweite (!), größere Lebensmittelladen in Klein-Luxemburg und im abschließenden Haus waren nur Wohnungen. Dort wohnte ein guter Freund meiner Eltern, ein schwerstkriegsversehrter Mensch. Einseitig war er arm- und auf der Gegenseite beinamputiert. Mit seinen Prothesen konnte er sich zum Glück fortbewegen, immer eine Aktentasche umgehängt.

 

Ihm kam glücklicherweise auch die beginnende Motorisierung der Bundesrepublik zu Gute, denn er besaß ein Auto! Es war ein blauer Maico Champion, genau wie ich ihn hier im Internet gefunden habe (Pinterest).

 

Dieser Pilz war ein Auto von vielen, die in jenen Jahren den Übergang vom Motorrad zur 4-rädrigen Mobilität ermöglichten und überall in Minifabriken aus dem Boden schossen. Ich erinnere an Messerschmidt, Victoria Janus, Zündapp, Isetta, Goggo, und nicht zu vergessen den Lloyd Leukoplastbomber und andere.

 

Ja, so war das Territorium des münsterischen Stadtteils Klein – Luxemburg. Es gab also Einiges zu erleben.

,Die Brücke' mit Frank
,Die Brücke' mit Frank

Da möchte ich noch einmal in unsere Wohnung zurückkehren. Dort trafen sich auch internationale Gäste. Da meine Mutter in der damaligen Englisch Society tätig war u.a. auch als Laienschauspielerin, trafen sich immer wieder britische Offiziere mit ihren Frauen bei uns, aber auch internationale Studenten, wie der aus Berlin stammende Student John Izbicki, der eine große Rolle in seiner neuen Heimat England spielen sollte, die ihn und seine Eltern vor dem Terror des Nazifaschismus bewahrt hatte.

Er wurde Chefredakteur des Daily Telegraph und hatte wesentlichen Einfluss auf die Reformierung des britischen Schulwesens unter Frau Thatcher. Er war erstmals wieder in Deutschland und beschreibt in seinen Memoiren ausführlich das Studentenleben in Münster und die Tätigkeit „Der Brücke“, einer britisch-deutschen Kulturvereinigung. Seine Memoiren sind auch für Münsteraner sehr lesenswert.

 

Zu den Gästen gehörte eines Tages auch der farbige William King der später in Trinidad und Tobago in hohe Regierungsämter aufstieg.

 

Durch die Briten wurde meine Familie auch zu den Krönungsfeierlichkeiten für Königin Elizabeth II. geladen. Sie fanden zwischen in den Nissenhütten auf dem Neuplatz (heute Schlossplatz) mit einer Parade statt.

Gespannt verfolgten die Gäste die Festlichkeiten, wie das folgende Foto belegt.

Frank vorn links
Frank vorn links

Die Übertragung der Zeremonie selbst erfolgte dann im Inneren über einen kleinen Fernseher, der uns schwarz-weiß ein rauschiges Bild übertrug, das wegen der Fülle des Raums und der Minimalität des Bildschirms, den ganzen Vorgang eher zu einer Vermutung werden ließ! Markiert waren wir alle mit kleinen, von den Soldaten, handgemalten Union Jacks und Namensschildchen, die mit einer Stecknadel auf die Brust geheftet waren. Es gab schließlich noch nicht die heutigen Kopiermöglichkeiten!

 

Diese Kontakte meiner Eltern hatten natürlich auch Einladungen zu Bällen und anderen Veranstaltungen zur Folge. Hier das Beispiel einer Einladung und das Tanzkärtchen eines Sergeants.

 

Durch die engen Kontakte fiel es übrigens auch nicht besonders auf, wenn im Laufe eines schönen Abends mal eine Flasche Whisky aus der NAAFi in der Tasche meiner Eltern landete. Die NAAFI war eine Versorgungsorganisation für britische Armeeangehörige und ihre Angehörigen, und extraterritorial, weshalb der deutsche Zoll überall auf der Lauer lag. - Für mich als Kind gab es natürlich auch manchmal kleine Geschenke:

 

Ein lieber Freund meiner Eltern war auch der in Münster bekannte Kaufmann Terfloth, der zusammen mit seinem Partner Snoek den Grundstein für die bekannte Firma Ratio legte. Es war wohl weniger Stein, auf den die Firma gegründet wurde, sondern Pudding. Diesen holte er in der Anfangsphase noch selbst mit seinem PKW aus den Niederlanden. Dabei kam er immer gern bei uns vorbei, um zu plaudern und mir in diesem Aluminiumdöschen, Briefmarken mitzubringen.

Apropos Niederlande. Wir wohnten ja direkt an der Straße nach Enschede.

Und wir wollten auch gerne mal dorthin, nicht wegen der Zigaretten, sondern wegen der Van Houten Schokolade, der Haagschen Dropjes, des Douwe Egberts Kaffees, der Butter! Ganz besonders lockte im Sommer aber Bad Boekelo. Es gab dort etwas Besonderes, ein Wellenbad! Aber es war nicht so leicht, dorthin zu gelangen. Wollte man nämlich mit dem Auto fahren, musste das genau geplant werden. Man benötigte ein Carnet de Passage, eine zeitlich begrenzte Einfuhrgenehmigung für das Auto in den Niederlanden. Diese bekam man z.B. über Automobilclubs und der Vorgang dauerte bisweilen 2 Wochen. Also, es war nichts mit spontaner Reiseentscheidung. In so einem Falle ging das nur bis zur Grenze nach Glanerbrücke. Dort blieb das Auto stehen, und hinter der Grenze bestiegen wir einen Bus, der uns zum Bad brachte.

 

Da legten die Niederländer dann gerne ihre Handtücher mit den Nationalfarben und dem Datum der Befreiung 1945 deutlich sichtbar um uns herum. An einem Tag jedoch hatten wir den letzten Bus verpasst, und es blieb uns nichts übrig, als spätnachmittags die ca. 15 km bis zum Auto zu Fuß zurückzulegen. - Wir vergessen so schnell, wie bequem es heutzutage in der EU ist!

 

Fuhren wir Jungens mal mit dem Fahrrad nach Glanerbrug, fuhren wir so, dass die schweren Milchkannen am Straßenrand standen und wir in den Deckel Milch zum Frühstück füllten, wobei wir aufpassen mussten, es richtig anzustellen, da in den Deckeln gegenüberliegend zwei Löcher waren. Dazu gab es frische Brötchen, die in Beuteln unterwegs an den Türen hingen. (Okay, ich weiß, was Sie nun sagen möchten)

Steinfurter Straße stadtauswärts - rechts außen ist ein Teil Franks Wohnhauses erkennbar
Steinfurter Straße stadtauswärts - rechts außen ist ein Teil Franks Wohnhauses erkennbar

Zurück zu unserer Wohnung in Klein – Luxemburg.

War es Sommer und die Fenster waren geöffnet, war die Luft immer wieder mal vom intensiven, unverkennbaren Geruch der Maische durchsetzt, der von der Germania Brauerei herüberzog.

 

Die Steinfurterstraße bestand seit der Stadtgrenze stadtauswärts in Richtung zum damals noch idyllischen Nienberge, damals noch aus einer zweispurigen Lindenallee und einem unbefestigten Radweg, der je nach Wetterlage, benutzbar war. Auf der anderen Straßenseite senkte sich das Gelände etwa 2-3 Meter ab, wo sich Schrebergärten befanden und mein schöner grüner NSU Lambretta Autoroller von freundlichen Nachbarn beerdigt wurde, als ihn niemand mehr haben wollte.

Natürlich bekamen wir Ostern 1958 alle mit, als das frisch eröffnete Hotel Schloss Wilkinghege in Flammen aufging. Es war schlimm, da die gesamte antike Inneneinrichtung auf dem Dachboden gelagert war und den Flammen gute Nahrung gab.

 

Soviel nun zu Klein – Luxemburg, ein relativ autarkes Stadtviertel Münsters, dem deutlich mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

 

Zum Teil 2: Klick


Quellen

Text: Dr. Frank-E. Skrotzki

Redaktion: Henning Stoffers

Fotos soweit nicht anders benannt: Dr. Frank-E. Skrotzki