Liebe Leserin, lieber Leser,

ursprünglich war es einfaches Gartenland vor den Toren der Stadt. Als sich Münster in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts über den Promenadenring hinaus ausdehnte, wurde aus dem Grundstück begehrtes Bauland.

 

Dieser Aufsatz handelt von der wechselhaften Geschichte der Bebauung eines Grundstückes am Servatiiplatz-Ecke Wolbecker Straße: zunächst Hotel, Restaurant, Café und Tanzdiele, dann britisches Kino, danach Geschäftshaus.

 

Ihr Henning Stoffers


Nobelhotel mit Tanzpalast am Servatiiplatz

Die Anfänge

1848 bekam Münster seinen ersten Bahnhof. Er lag etwas nördlicher, und zwar etwa 150 Meter vom jetzigen Bahnhof entfernt. Die Schienentrasse führte damals noch über die heutige Friedrichstraße und Piusallee.

 

Die Wolbecker Straße war eine kleine Straße, die am Servatiitor ihren Anfang nahm. Genau an dieser Stelle liegt das Grundstück, von dem diese Geschichte handelt.

Die deutlich breitere Eisenbahntrasse hat auf dem Stadtplan von 1892 einen neuen Verlauf, der auch heute noch fortbesteht. Das Gebäude auf dem rot markierten Grundstück wurde nach dem Einwohnerbuch von 1875 als Wohnhaus genutzt.

Der Stadtplan von 1864, also nur 16 Jahre später, zeigt ein deutlich verändertes Bild. Neue Straßenzüge und eine beginnende Bebauung vermitteln städtischen Charakter.


Der 1890 neugebaute Zentralbahnhof (heute Hauptbahnhof) lag etwa 150 Meter weiter südlich. - Die Nähe zum Bahnhof war für ein Hotel besonders attraktiv. Neben dem Westfälischen Hof entstanden in Bahnhofsnähe zwei weitere große Hotels, die im Krieg zerstört wurden.

Hotel Continental
Hotel Continental

Links das Continental (heute Conti) an der Bahnhofstraße-Ecke Windthorststraße und rechts das Monopol am Servatiiplatz.

Hotel Monopol
Hotel Monopol

Das Hotel Westfälischer Hof um 1905, noch ohne Café Royal
Das Hotel Westfälischer Hof um 1905, noch ohne Café Royal

Hotel, Restaurant, Café, Tanzpalast

links Café Royal um 1914
links Café Royal um 1914

Das Hotel Westfälischer Hof  existierte bereits 1894 - vielleicht auch einige Jahre früher -, Eigentümer war Hermann Pauli.

Wilhelm Grote übernahm im Jahre 1903 das Hotel. 10 Jahre später wurde das Nachbargrundstück mit dem Café Royal bebaut.

Wilhelm Grote
Wilhelm Grote

Das Café bekam nach Ausbruch des 1. Weltkrieges einen neuen Namen: Café Roxel. Die französische Namensgebung passte nicht mehr in das politische, vaterländisch patriotische Umfeld. Dass die Bezeichnung Roxel gewählt wurde, hatte durchaus praktische und finanzielle Gründe. Nur zwei Buchstaben mussten an der Außenfassade ausgetauscht werden.

Das Hotel von der Wolbecker Straße Richtung Salzstraße, links die Reichsbahndirektion
Das Hotel von der Wolbecker Straße Richtung Salzstraße, links die Reichsbahndirektion
Die Belegschaft
Die Belegschaft

Die Familie Grote führte erfolgreich ihr Unternehmen mit etwa 100 Mitarbeitern. Alle Annehmlichkeiten konnten den Hotelgästen geboten werden. Sogar eine hauseigene Tankstelle sowie Garagen standen zur Verfügung. Fließend kaltes und warmes Wasser gehörten ebenfalls zum Angebot, was damals nicht selbstverständlich war.

Musikalische Unterhaltung
Musikalische Unterhaltung

Für die Unterhaltung der Gäste war bestens gesorgt. Es gab häufig wechselnde Engagements für Sänger, Sängerinnen und Kapellen. Eine besondere Attraktion war das Wunschkonzert. Die Besucher konnten zwischen mehr als 1000 Titeln aussuchen. Das gewählte Musikstück wurde sodann von den Musikern gespielt und ggf. mit Gesang untermalt.


Bekannte Kapellen, wie zum Beispiel Will Glahé oder Hermann Hagestedt, spielten auf. Es fanden Direktübertragungen aus dem Café Roxel im Rundfunk statt. Und eine Damenkapelle aus Holland hatte auch ihren Auftritt.

Das Musikangebot

Wunschkonzert: Auszug der Musiktitel
Wunschkonzert: Auszug der Musiktitel

Das Kulinarische

Die Speisekarte verbarg sich in einer luxuriösen Lederumhüllung. Das Speisenangebot war reichhaltig und für den gehobenen Geschmack und Geldbeutel ausgelegt. Offensichtlich gab es in Münster mit seiner großen Beamtenschaft das entsprechende Publikum.



1938 wurde das Café Roxel umfassend renoviert und umgestaltet. Das nachstehende Foto vermittelt einen Eindruck der gediegenen, harmonischen Ausgestaltung. Die Räumlichkeiten waren bereits mit einer Klimaanlage ausgestattet, was in der Presse besonders hervorgehoben wurde.

Das Restaurant - Dekoration mit Motiven des klassischen Altertums
Das Restaurant - Dekoration mit Motiven des klassischen Altertums

Feste feiern

Straßenbahnwerbung
Straßenbahnwerbung

Mehr als 700 Plätze boten das Café, die Tanzdiele und Bar. Die Ausstattung der Räume wurde gehobenen Ansprüchen gerecht.

Das Hotel im Schnee
Das Hotel im Schnee

Für die münstersche Bevölkerung waren die feinen, luxoriösen Räumlichkeiten ein besonderer Anziehungspunkt. Hier wurden Feste gefeiert, getanzt, Bekanntschaften geknüpft und manche Romanze hatte hier ihren Anfang oder vielleicht auch ihr Ende... - Die Direktion legte im Übrigen Wert darauf, dass das Trinkgeld von der Bedienung ,pfenniggenau' berechnet wurde.

Das Ende

Das zerstörte Geäude an der Wolbecker Straße
Das zerstörte Geäude an der Wolbecker Straße

Die Bomben zerstörten das Gebäude massiv. Wie auf dem Foto zu sehen ist, sind nur einige Mauern stehen geblieben. Nichts erinnert an die Pracht vergangener Jahrzehnte.

 

Nach dem Krieg wurde die Gastronomie im kleinen Rahmen in neu hergerichteten Räumlichkeiten für kurze Zeit weitergeführt. Die nebenstehende Weinkarte von 1950 bietet bereits wieder ein ansprechendes Angebot, allerdings für die damalige Zeit zu relativ hohen DM-Preisen.

 

Die Ära eines großen Hotel- und Gastronomieunternehmens endete in diesen Jahren.

Ein Kino entsteht

In den 1950er Jahren errichteten die Briten auf dem inzwischen enteigneten Grundstück für ihre Soldaten und deren Angehörigen ein Kino, das Globe.

 

Auch dieses Gebäude hatte keinen langen Bestand. Bereits Ende der 1970er Jahre wurde es abgerissen. Es entstand an dieser Stelle ein Geschäftshaus im Stile dieser Jahre.

 

In nächster Umgebung wurde das Iduna-Hochhaus gebaut, dessen Baustelle auf der nachstehenden Fotografie zu sehen ist.

Blick vom Globe auf die Baustelle des Iduna-Hochhauses
Blick vom Globe auf die Baustelle des Iduna-Hochhauses

Ausklang

Fast 150 Jahre wechselhaften Geschehens eines Grundstückes am Servatiiplatz sind vergangen. Nichts erinnert mehr an das prächtige Hotel, das elegante Café, die Zerstörung und das spätere Kino.

 

Über Jahrzehnte war an dieser Stelle einer der Treffpunkte des gesellschaftlichen Lebens Münsters. Kaum zu erahnen sind die vielen menschlichen Schicksale, die sich hinter dem Zeitgeschehen verbergen.

 

Hier zeigen sich beispielhaft die tiefgreifenden baulichen Veränderungen eines Straßenabschnittes innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums.

Der Gebäudekomplex heute
Der Gebäudekomplex heute

Quellen

Fotos: Dieter Grote, Carmen Preston, Henning Stoffers

Idee und Text: Henning Stoffers

 

Dank

Für Informationen und die Bereitstellung des Fotomaterials danke ich herzlich Renate und Dieter Grote.