im April 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

Helmut Renner hat über seine Kinder- und Jugendjahre im Kreuzviertel geschrieben und einige Erinnerungen mit privaten Bildern aus jener Zeit illustriert.

 

Diese kleine Dokumentation ist ein typisches Stück Zeitgeschichte, die ich an dieser Stelle gern veröffentliche.

 

Ihr Henning Stoffers


Die 1950er und 1960er Jahre

Kindheit und Jugend im Kreuzviertel - Erinnerungen

Firmenschild Studtstraße
Firmenschild Studtstraße

Die ersten Jahre in Münster

Es war das Jahr 1951, als meine Eltern von Unna nach Münster zogen. Wir bekamen eine Mansardenwohnung in der Studtstrasse 41 zugewiesen. Ich war im zarten Alter von 4 Jahren.

 

Mein Vater hatte einen Arbeitsplatz bei der Landwirtschaftskammer Münster, die zu der Zeit in den Kasernengebäuden am Neutor ausgelagert war.

Das Foto zeigt meinen Vater ca. 1953 in seinem Büro.

 

Offenbar hatte mein Vater Zeit, die Tageszeitung zu lesen. Natürlich nur, um die Marktberichte zu studieren, damit sie statistisch erfasst und auf grossen Landkarten dargestellt werden konnten. Man beachte die kolossale Rechenmaschine, die links von ihm auf dem Schreibtisch steht.

 

Die Landwirtschaftskammer hatte später ihren Sitz in dem Neubau an der Schorlemerstraße.

Kindergarten und Schule

Ich war damals Kindergartenkind im Diakonissen-Kindergarten der Adventskirche am Nordplatz im Kreuzviertel.


Die Fotos zeigen eine Kindergartenfeier mit Umzug durch das Kreuzviertel.

Umzug des Kindergartens im Kreuzviertel
Umzug des Kindergartens im Kreuzviertel

Nach der Kindergartenzeit kam die - wie sie damals noch hieß - Volksschule. Ich besuchte die Martin-Luther-Schule an der Coerdestrasse. Das Foto zeigt meine 4.Klasse vor dem Haupteingang der Martin-Luther-Schule.


Unser Auto, Nachbarn und ich in Fotopose

Der Stolz meines Vaters war das neue Auto, dass er sich 1963 leisten konnte. Einen ,DKW Junior de Luxe'. Das nachstehende Foto zeigt den Wagen gegenüber dem Haus Studtstrasse 41. Erstaunlich, wie leer noch die Strassenränder sind. Kein anderes Fahrzeug in der Nähe. Hinter der Mauer war damals der Hof der ,Bäckerei Limberg'.

Der älteste Sohn gründete später die ,Stadtbäckerei‘. In dem grauen Haus links befand sich der ,Obst- und Gemüsehandel Hagedorn‘. Der Sohn des Gemüsehändlers gründete später die Firma ,Frugenta'.

Dieses Foto zeigt, so denke ich, wie es in den 1960ern in den meisten Wohnzimmern aussah. Ein Fernseher, ein Orientteppich und eine Metzgerpalme (Sansevieria). Diese Pflanze war oft in Metzgereien zur Dekoration der Schaufenster ausgestellt. Heute ist dies aus hygiensichen Gründen nicht mehr gestattet.

 

Ich sitze in Fotopose vor dem Fernseher, der in jener Zeit etwas Besonderes war. Zufällig oder spontan wirkende Bilder gab es in der Regel noch nicht. Fotografieren war teuer, und so ging man mit dem Medium sparsam um. Für das Foto habe ich mich nicht extra schick gemacht. Anzug und Krawatte waren damals die ganz normale Freizeitkleidung. So ist dieses Bild ganz typisch für jene Jahre.

Tanzschulzeit

Wir trafen uns am Sonntagnachmittag zum Bowle trinken. Das war dann schon Mitte der 1960er. Wir waren alle in unserer Freizeit (von Freitag bis Sonntag) in der ,Tanzschule Grebe'. Freitags- und samstagabends war dort ,Disco' und Sonntag, am Nachmittag dann der ,Tanztee' und am Abend Tanz (Standard/LateinAmerikanisch).

 

Natürlich waren wir auch in den Discotheken in Münster unterwegs, aber der

Schwerpunkt war immer die ,Tanzschule Grebe'. Unsere Clique gehört dort schon fast zum Inventar.

Hier ein Foto vom Abschlussball in der Tanzschule. In der Mitte im weißen Smoking  der Tanzlehrer Rudi Grebe.

Mein Zertifikat für das Welt-Tanzabzeichen ist für mich ein besonderes Zeitdokument. Natürlich war man stolz wie Bolle, wenn man es mit einer Anstecknadel verliehen bekam.

 

Leider ging die Nadel irgendwann einmal verloren.

Auch das war damals nicht außergewöhnlich: Weibliche Personen, die nicht verheiratet waren, wurden mit ,Fräulein' angeredet, auch dann, wenn sie bereits im hohen Alter waren. Die Ausweiskarte sieht ,Fräulein' als Alternative zu ,Herr' und ,Frau' vor. In jener Zeit eine Selbstverständlichkeit.

Wichtig zu jener Zeit war auch, dass man eine Kellerbar für die entsprechenden Feten hatte. Die habe ich mit einem Freund zusammen gebaut.

 

Die Flaschen im Regal waren nur Deko, also leider, leider leer.

Erste Berufsjahre

Karneval im Büro
Karneval im Büro
Abfahrt mit einem Sambabus -  Parkplatz Alter Steinweg - heute Stadtbücherei
Abfahrt mit einem Sambabus - Parkplatz Alter Steinweg - heute Stadtbücherei

Meine Lehrzeit absolvierte ich bei der Witwen- und Waisenkasse (heute WWK Versicherung) auf der Rothenburg. Damals wurde in den Büros viel gefeiert, besonders gern Karneval. Aber auch Betriebsauflüge wurden unternommen. Es ging nicht weit in die Welt hinaus. Wir fuhren zum Picknick in die nähere Umgebung, und ich kann versichern, dass es allen viel Spaß gemacht hat.

 

Das obere Bild wurde auf dem damaligen Parkplatz ,Asche' gemacht. Heute steht dort die Stadtbücherei. Es war ein VW-Bus T 1 (Sambabus mit Panoramascheiben). Heute sicherlich ein begehrter Oldtimer.

Unsere Ankunft am Picknickplatz
Unsere Ankunft am Picknickplatz

Zum Schluss

Der letzte Lichtbildervortrag über das alte Münster im Schlosstheater regte mich an, in meinen alten Bildern zu kramen. Einiges habe ich gefunden, das gerne an dieser Stelle veröffentlicht werden darf.

 

Viele Erinnerungen sind mit meiner Heimatstadt verbunden. Wenn ich darüber nachdenke, kehren immer mehr Ereignisse, Geschehnisse und Begebenheiten aus längst vergangenen Zeiten zurück ins Bewusstsein. Ich erinnere mich an die vielen Menschen, die mich ein kurze oder längere Wegesstecke begleitet haben oder mich auch heute noch begleiten...


Quellen

Text und Fotos: Helmut Renner

Redaktion: Henning Stoffers