im Oktober 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

an einem sonnigen Herbsttag durfte ich die alte Stadtmauer an der Westerholtschen Wiese besichtigen. Verschlungene Pfade, ausgetretene Treppen, eine Kasematte, ein großes, tiefes Loch und von Efeu umwucherte Schießscharten sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Vieles ist noch unerforscht.

 

Zu dem historischen Spaziergang lade ich Sie herzlich ein.

 

Ihr Henning Stoffers


Die Stadtmauer - Unerforscht und geheimnisvoll

Die hinter dem Bewuchs versteckte Stadtmauer
Die hinter dem Bewuchs versteckte Stadtmauer

Kleine Einführung

Ein herrlicher Herbsttag. Ich radelte zu meiner alten Schule, dem Paulinum am Stadtgraben. Mehr als 50 Jahre hatte ich den Schulbereich nicht mehr betreten. Nun stand ich am Eingang des Schulhofs. Hier sollte ich einen meiner Leser treffen, der mich führen wollte. Geheimnisse und Zeugnisse vergangener Jahrhunderte würden sich im hinteren Teil des Grundstücks verbergen, einem Bereich, dem ich als Schüler - leider - nie Beachtung geschenkt hatte.

Ansicht 1816 - Das schöne Münster Heft 10/1936
Ansicht 1816 - Das schöne Münster Heft 10/1936

Auf der Stadtmauer

Blick von der Stadtmauer auf den Garten, die Aa und die Westerholtsche Wiese
Blick von der Stadtmauer auf den Garten, die Aa und die Westerholtsche Wiese
Auf der Stadtmauer
Auf der Stadtmauer

Auf dem Wehrgang
Auf dem Wehrgang

Zunächst geht es auf eine Anhöhe, dem Rondell, bebaut mit einem Haus aus den 1960er Jahren. Links führt ein kleiner, unscheinbarer Weg direkt an den oberen Rand der Stadtmauer entlang. Es ist der alte Wehrgang. Eine ungewohnte Perspektive eröffnet sich: Etwa 7-8 Meter tiefer liegt der gepflegte Garten mit seiner Hecke und parallel dazu die Aa in ihrem renaturierten Bett.

 

Schießscharten sind im Mauerwerk eingelassen, teilweise zugewachsen von Efeu und anderen Pflanzen mit armdicken Ästen. Wie mag es vor 500 Jahren gewesen sein, als sich die Stadt anrückender Feinde erwehren musste? Standen hier Verteidiger, die aufmerksam und angespannt über die Mauer spähten?

Mauergeschichte

Durch ein Gartenpförtchen erreiche ich den Fuß der Stadtmauer mit dem sich anschließenden Obstgarten und seiner Figurenhecke. Nun kann ich die Stadtmauer aus nächster Nähe betrachten. Der untere Teil besteht aus Bruchsteinen aus dem 12. Jahrhundert und ist etwa vier Meter hoch. Der obere Bereich wurde aus Ziegeln gemauert. Diese knapp 3 Meter hohe Backsteinmauer dürfte aus dem 16. Jahrhundert stammen.

Die Stadtmauer von der Westerholtschen Wiese fotografiert - 1912
Die Stadtmauer von der Westerholtschen Wiese fotografiert - 1912

Die Stadtmauer ist heute zum größten Teil sehr stark bewachsen, so dass ein Blick auf das Mauerwerk weitgehend verwehrt wird. Alte Fotografien zeigen das Bauwerk zum großen Teil frei von Bewuchs.

Die eingemauerten Kanonenkugeln

In etwa 4  Meter Höhe - noch im Bereich des Bruchsteinmauerwerks - sind sechs Steinkugeln eingemauert. Die Kanonenkugeln haben einen Durchmesser von 30 bis 50 cm und stammen aus der Belagerung von 1534-1535. Eine der Kugeln hat eine dunkelbraune, fast schwarze Färbung, dass man meinen könnte, sie sei aus Metall. Warum die Kugeln dort eingemauert worden sind, lässt sich heute nicht mit Sicherheit beantworten. Vielleicht sollten künftige Belagerer mit der hiermit herausgestellten Wehrhaftigkeit der Befestigung abgeschreckt werden.

Das Geheimnis des tiefen Lochs

Fast verdeckt von umwuchernden Pflanzen entdecke ich ein mit Bruchsteinen umfasstes rundes Loch. Der Durchmesser mag 3 Meter bei einer Tiefe von 4 - 5 Metern betragen. Am Grund wächst Farn. Wie gelangt man dorthin? Eine Treppe oder einen anderen Zugang gibt es nicht. Nur mit einer Leiter kann hinabgestiegen werden.

 

Für welchen Zweck wurde dieses aufwendige Bauwerk errichtet? Diente es zum Gießen von Kanonen oder Glocken? Ein Geheimnis, welches vielleicht nie gelüftet wird...

Die Kasematte

Eine weitere Überraschung erwartete mich. Eine Kasematte, die viele Jahrhunderte überstanden hat.

Links Eingang zur Kasematte - Foto ,Das schöne Münster' 1936
Links Eingang zur Kasematte - Foto ,Das schöne Münster' 1936

Eine uralte, ausgetretene Treppe führt in den unteren Bereich des Rondells. Das obere Bild der Treppenanlage wurde um 1935 gemacht. Das nebenstehende Foto zeigt den jetzigen Zustand.


Kasematte mit Öffnung Richtung Westerholtsche Wiese
Kasematte mit Öffnung Richtung Westerholtsche Wiese

Hinter einer niedrigen Tür verbirgt sich ein tonnenförmiges Gewölbe. Gemauert aus Ziegelsteinen, ca. 8 Meter lang, 5 Meter breit und 3 Meter hoch. Die Öffnungen nach außen sind zu einer Seite hin vergittert und mit Schutt zugeschüttet. Ein weiterer kleinerer Raum schließt sich an. Der Boden ist bedeckt mit losem, trockenem Sand. Vielleicht liegt er dort seit Jahrhunderten...

Das Gewölbe mit vermauerten hinterem Abschluss
Das Gewölbe mit vermauerten hinterem Abschluss

Ich stehe in der Kasematte der alten Befestigungsanlage. Trotz der draußen herrschenden sommerlichen Temperaturen ist es hier sehr kühl. Beide Räume mögen einst der Aufbewahrung von Proviant, vielleicht auch von Schießpulver und anderen Kriegsgeräten gedient haben.

 

Am Mauerwerk sehe ich starke Setzrisse. Man hat versucht, diesen Prozess mit Eisenbändern aufzuhalten. Ich habe Zweifel, ob diese Maßnahme nachhaltig wirkt.

Zugeschüttete Öffnungen
Zugeschüttete Öffnungen
Die Tür zur Kasematte
Die Tür zur Kasematte

Was noch zu sehen war...

Versteckt im Gebüsch liegen zwei Stelen. Woher mögen sie stammen? Waren es Teile eines Grabes oder eines Kirchengebäudes? Wurden sie in der Täuferzeit hier abgelegt?

 

Eine idyllische Bank am Fuße der Stadtmauer lädt ein zum Verweilen an historischem Ort. Woher mögen die bearbeiteten Steinblöcke stammen? Das hintere Bruchsteinmauerwerk wurde mit Ziegelsteinen verfüllt. Offensichtlich waren Jahrhunderte später notdürftige Reparaturen erforderlich, um schadhafte Stellen auszubessern.

 

Viele Fragen tun sich auf. Ich bin mir sicher, dass Archäologen und Historiker auch künftig hier ein reiches Betätigungsfeld vorfinden werden.

Steinerne Bank am Fuße der Stadtmauer
Steinerne Bank am Fuße der Stadtmauer

Familie Brake - Roman von Clara Ratzka 1919

Vor 100 Jahren brachte Clara Ratzka ihren Roman ,Familie Brake' heraus. Im Kapitel 4 wird der Bereich der Stadtmauer liebevoll beschrieben.


Erinnerungen

Schießscharte ...zugewachsen
Schießscharte ...zugewachsen

Wie oft hatte ich über die Jahre vom Promenadenwall aus auf die Westerholtsche Wiese, die Aa und auf die dahinter liegende Stadtmauer geschaut! Der sich der Stadtmauer anschmiegende Garten mit der Hecke und ihren kunstvoll geschnittenen Figuren hatte immer etwas Geheimnisvolles und Unerreichbares an sich.

Eine andere Perspektive - Blick auf die Promenade
Eine andere Perspektive - Blick auf die Promenade

Ich erinnere mich an die jährlichen Reitturniere, die seit den 1930er Jahren auf dieser einst sumpfigen Wiese abgehalten wurden. Die Vorbereitungen für das ,Turnier der Sieger' waren immens. Auf meinem Schulweg in den 50er Jahren konnte ich alles genau beobachten. Wassergräben und Hindernisse mussten aufwendig hergerichtet werden.

Medaille 1959
Medaille 1959

Am Promenadenwall entstanden die Zuschauertribünen. Das Publikum und die Reiter erlebten eine einzigartige Kulisse. - Der Turnierplatz wurde in späteren Jahren auf den Schlossplatz verlegt.


In meinen Träumen als 10-Jähriger hatte dieser Platz einen besonderen Stellenwert. Ich stellte mir vor, dass vor vollbesetzter Tribüne ein großes Orchester die 9. Sinfonie von Beethoven spielen würde. Der gewaltige Chor mit mehr als 1000 Stimmen bildete sich aus den Besuchern, die auf der Tribüne standen.

Heute ist dies mehr oder weniger Realität geworden, wenn zum Beispiel Carl Orffs großartige ,Carmina Burana' auf dem Prinzipalmarkt gespielt wird. Eine Aufführung durfte ich Mitte der 60er Jahre in der Halle Münsterland erleben. Ein älterer, kleiner Herr schritt unter dem begeisterten Jubel des Publikums langsam den Mittelgang entlang. Es war Carl Orff. Ich saß neben der Bühne, ganz in der Nähe der Pauke. Was war ich von dieser herrlichen Musik beeindruckt! Sie war jedoch auch ungemein ohrenbetäubend, wenn der Paukist seine Instrumente bearbeitete. Und als er dann aufstand, die Becken in die Höhe hebend, mit ausgebreiteten Armen auf den richtigen Zeitpunkt wartend, um sie dann theatralisch mit aller Kraft zusammenzuschlagen. Welch ein Moment!

Zu guter Letzt

Die Besichtigung der Anlage war beeindruckend. Wer hätte gedacht, ein Stück ursprüngliches Münster aus dem Mittelalter und aus der beginnenden Neuzeit zu sehen zu bekommen!

 

Ich danke Markus Gabriel und seinem Vater für die Informationen und freundliche Führung. Mit dabei war auch Paula, die Tochter von Markus. Ihr habe ich zugesagt, in ihrer Schule über Münsters Geschichte zu sprechen... Und das sehr gern.

PS

Der Bereich der Stadtmauer ist leider öffentlich nicht zugänglich.


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Fotos, soweit nicht anders angegeben: Henning Stoffers

Benutzte Literatur

Max Geisberg

Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen: Stadt Münster Teil 1

Aschendorff 1932, Nachdruck 1975

Das schöne Münster, Heft 10/1936