Liebe Leserin, lieber Leser,

zum Urgestein Münsters gehört Claus Steinrötter. Auf der Rothenburg, im Herzen unserer Stadt, liegt seine Galerie, eine Institution der münsterschen Kunstszene. Sein Vater sagte einmal, er solle Lebensmittelhändler werden. Diesen Rat hat Claus Steinrötter beherzigt und handelt - in abgewandelter Form - seit mehr als 50 Jahren mit ,kulturellen' Waren.

 

Claus Steinrötter kann aus seinem Leben unendlich viel erzählen. Ich muss mich auf einige wenige Aspekte beschränken, um den Rahmen dieser Seite nicht zu sprengen.

 

Ihr Henning Stoffers


Claus Steinrötter - Galerist

Foto Henning Stoffers
Foto Henning Stoffers

Ich besuche Claus Steinrötter in seiner Galerie. Die manigfaltigen Kunstobjekte vereinnahmen mich und ziehen mich in ihren Bann. Ich gehe auf Entdeckungstour und kann doch nicht alles in mich aufnehmen - ich bin beeindruckt. Die Räumlichkeiten strahlen eine behagliche Atmosphäre aus, in der man sich einfach wohlfühlt. Mein Hund Luna, den ich mitgenommen habe, schließt in dieser Behaglichkeit gleich Freundschaft mit Karin, dem Vierbeiner des Hauses.

 

Claus Steinrötter sitzt auf einem Chaiselongue, seine Hündin Karin ihm zu Füßen. Im Gespräch lerne ich einen Menschen kennen, der viel erlebt hat. Seine Sprache ist präzise, kritisch zu aktuellen Themen, und was er sagt, ist mit einem Schuss Humor gewürzt.

Blick in die Galerie mit Karin auf dem Sofa
Blick in die Galerie mit Karin auf dem Sofa

Herkunft und die ersten Jahre

Claus als Sextaner
Claus als Sextaner

Im Kriegsjahr 1943 wurde Claus Steinrötter in Gelsenkirchen-Horst geboren; nahe bei Schalke, wie er betont. Bereits einige Tage nach der Geburt zog die Familie nach Gescher, um den Bombardierungen im Ruhrgebiet zu entgehen. Tatkräftig wurde sie beim Ortswechsel von Pfarrer Josef Willenbrink, einem Verwandten, unterstützt.

 

1957 kam Claus nach Münster und besuchte als Internatschüler das Heerdekolleg, das Paulinum und schließlich wegen des ungeliebten Griechisch das Ratsgymnasium. Das Abitur machte er im Waldorf-Internat in Rendsburg.

Berufliche Anfänge

Claus als Frisör im Internat
Claus als Frisör im Internat

Nach der Schulzeit wurde der Wehrdienst abgeleistet. Danach schloss sich das Studium der Soziologie und der Volkswirtschaft in Münster an.

 

Es waren die frühen 1960er Jahre. Ein gesellschaftlicher Wandel kündigte sich an. Die Kleidung der Jugend änderte sich, die Haare wurden länger getragen, und Althergebrachtes wurde infrage gestellt. Nach den Demos ging es ins legendäre ,Schwarze Schaf', wo den Teilnehmern eine Flasche Bier gestiftet wurde. Neben seinem Studium kellnerte Claus hier zum Broterwerb. In dieser Zeit führte ein Unfall zu einer Gehbehinderung, unter der er bis heute leidet.

 

In jenen Jahren kristallisierte sich seine lebensbestimmende Leidenschaft zur Kunst heraus. Mit Wolfgang Hölker, dem späteren Verleger, ging es an den Wochenenden nach Paris, Amsterdam und London, um dort auf Flohmärkten Krempel und Kunst zu erwerben. Auf Partys wurde dann die Ware verkauft.

Die Gründung der Galerie und die Jahre danach

Claus' Gedanken zu Themen der Zeit
Claus' Gedanken zu Themen der Zeit

Die anfangs nur vage Geschäftsidee nahm reale Form an: 1967 eröffneten Claus Steinrötter und Wolfgang Hölker in der Kleinen Bergstraße die erste Galerie, und zwar gegenüber der inzwischen geschlossenen Bit-Pünte. Claus heiratete Antje Vogel, die sich einen Namen als Kinderbuchautorin machte. Die ersten Jahre waren finanziell nicht einfach, aber mit Kreativität und dem richtigen ,Kunst-Riecher' wurden die existenziellen Klippen überwunden. Die Münsteraner wussten inzwischen Steinrötters Kunstverstand zu schätzen.

 

1974 wurde Sohn Kolja geboren, der inzwischen ebenfalls eine Galerie im Germania-Campus betreibt. Die Familie Steinrötter wohnte viele Jahre in der Tuckesburg, die einst Professor Hermann Landois' Wohnstätte war.

 

Die Galerie zog später ins Torhäuschen am Mauritztor. Besondere Attraktion war ein original englischer Pub, der in die Galerie integriert worden war. Der Pub erwies sich als Publikumsmagnet. Danach ging es in den Oer’schen Hof in der Königstraße. Seit 1990 hat die Galerie ihren Sitz in der Rothenburg.

Claus Steinrötter und die Künstler

Mit Götz Alsmann
Mit Götz Alsmann

Steinrötters Erfolgsrezept war, auf junge Künstler zu setzen. Wer interessierte sich in den 1970er Jahren zum Beispiel für einen Günther Uecker, der als Maler und Objektkünstler u.a. seine bekannten Nagelobjekte schuf? Heute werden seine Werke im sechsstelligen Bereich gehandelt.

 

Und dann gab es Kontakte mit bekannten Persönlichkeiten. Darunter waren der unvergessene Peter Ustinow, Dietmar Schönherr mit Vivi Bach und Alfred Biolek. Auch Roger Moore durfte er kennenlernen.

Im Gespräch

Auf dem Weg zur Galerie - Foto Henning Stoffers
Auf dem Weg zur Galerie - Foto Henning Stoffers

Hast Du bereut, Galerist geworden zu sein?

Nein. Anfangs war es ein mehr oder weniger ,Gemischtwarenhandel'. Der An- und Verkauf von Trödel musste unser Engagement für die Kunst finanzieren.

 

Die Einkaufsfahrten nach England, Frankreich oder Holland gestalteten sich mit dem bürokratischen Zoll oft schwierig. Besonders schlimm erwischte es uns immer an der belgischen Grenze. Es gab noch nicht die tolle Errungenschaft der grenzfreien EU. Jeder sollte sich bewusst sein, was diese Freiheit bedeutet.

 

Hast Du Künstler entdeckt?

Mein erster Künstler in der langen Reihe der Endeckungen war Wolfgang Troschke.

Portrait, gemalt von Johannes Grützke
Portrait, gemalt von Johannes Grützke

Dein schönstes Erlebnis?

Ich war mit Peter Ustinov auf der Fahrt von Düsseldorf nach Münster. Im Auto deklamierte Peter das Theaterstück ,Beethovens Zehnte'. Ich war berührt und fasziniert von diesem großen Schauspieler.

 

Welches Kunstwerk hat Dich am meisten beeindruckt?

Das ist ganz schwer zu sagen. Das wäre zu vergleichen, als müsse man sich zwischen Mama und Papa entscheiden.

Im Gespräch - Foto Henning Stoffers
Im Gespräch - Foto Henning Stoffers

Fällt es Dir schwer, sich von einem Kunstwerk zu trennen?

Ja, natürlich. Aber mich tröstet der Gedanke, dass es nicht verschwunden ist, sondern sich lediglich an einem anderen Ort befindet. Besitzen zu wollen, ist eine menschliche Eigenschaft. Letztlich kann keiner sein Hab und Gut für immer mitnehmen.

 

Kunst ist Spekulation?

Kunst ist für die Spekulation nicht geeignet. Die Spekulation ist kritisch zu beurteilen und hat mit Kunst nichts zu tun. Ein reicher Idiot bleibt immer ein Idiot, auch wenn er kein Geld mehr hat.

Mit Hündin Karin - Foto Henning Stoffers
Mit Hündin Karin - Foto Henning Stoffers

Wenn Du einen Wunsch frei hättest?

Ich möchte schmerzfrei sterben.

 

Was gefällt Dir an Münster?

Münster könnte von Walt Disney entworfen worden sein.

 

Was hältst Du vom Eisenman-Brunnen?

Dazu möchte ich nichts sagen.

 

Aber es gilt, Kunst soll frei und tolerant sein. Kunst ist für unsere Welt wichtig.

 

Wer sind Deine liebsten Kunden?

Menschen, die mit Liebe und Phantasie sammeln, sich an der Kunst erfreuen und sich begeistern lassen. Dagegen kritisiere ich das schnöde Horten zur Kapitalanlage.

Haben Politik und Kunst eine Gemeinsamkeit?

Ja, wenn das  Ergebnis stimmt, ist es egal, um welche Partei oder um welche Kunst es sich handelt.

 

Was ärgert Dich?

Intoleranz und Gedankenlosigkeit.

 

Was erfreut Dich?

Ein gutes Gespräch.

 

Was sagst Du über Münster?

Ich bin dankbar, in dieser schönen Stadt leben zu dürfen. Die Studentenschaft in ihrer Vielfalt ist eine Bereicherung. Münster ist auch aus diesem Grunde eine jungbleibende Stadt.


Mein Buchtipp

Wer mehr über Claus Steinrötter erfahren möchte, dem empfehle ich sein Büchlein ,Der Vater des Erfolges war meine Mutter'. Das liebevoll gestaltete Buch ist illustriert mit Zeichnungen des Künstlers Carsten Weitzmann. In Kolumnen, Kommentaren und Kunstgeschichten mit autobiografischen Sequenzen setzt sich Claus Steinrötter mit dem Zeitgeschehen - mal kritisch, mal liebevoll - auseinander. Der Münster-Bezug spiegelt seine Verbundenheit zur Heimatstadt wider.

 

Erschienen im Coppenrath-Verlag.
ISBN: 978-3-649-63298-6 - 16,80 €


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Abbildungen, sofern nicht anders angegeben: Claus Steinrötter