Liebe Leserin, lieber Leser,

in meiner Nachbarschaft wohnt ein älterer Herr. Ab und zu sehen wir uns, grüßen uns freundlich und sprechen übers Wetter und über Dinge des Alltags. Aber über die Jahre wurden die Gespräche tiefergehender. So entstand der Wunsch, ihn über sein Leben zu befragen.

 

Berührt haben mich seine Erinnerungen an die Kinder- und Jugendjahre während Nazizeit; ein Zeugnis großer Authentizität.

 

Ihr Henning Stoffers


Prof. Dr. Karl-Wilhelm Dahm - Theologe und Soziologe

Foto Henning Stoffers
Foto Henning Stoffers

Was mich von Anfang an sehr beeindruckte, ist die klare Sprache. Druckreif und verständlich sind die gut formulierten Sätze. 25 Minuten ohne Pause oder Unterbrechung folgt man seinen interessanten Gedankengängen. Als ich anmerkte, dass seiner Rede der Vorlesungscharakter nicht zu leugnen sei, war Prof. Dahm gar nicht erstaunt. Ja, das hätte er sein Leben lang gemacht, und so sei er geprägt.

 

Es waren ein gute Gespräche. Zum Schluss fragte Prof. Dahm mich, ob jemand über mich schreiben würde, er würde es sehr gern tun. Ich fühlte mich geehrt...


Elternhaus und Kindheit

Die leibliche  Mutter Margarete
Die leibliche Mutter Margarete

Im südlichsten Zipfel Westfalens liegt bei Burbach der kleine Ort Niederdresselndorf. Hier wurde Friedrich Wilhelm Karl Dahm 1931 geboren. Sein Vater war Pfarrer, die Mutter die verehrte Pfarrfrau. Vom Vater erbte er eine im christlichen Glauben fundierte Liberalität und die Freude an wissenschaftlicher Arbeit; die Mutter vermittelte Frohsinn und eine unbefangene Frömmigkeit. Karl-Wilhelm verlebte in seinen ersten zehn Jahren eine glückliche Kindheit im evangelischen Pfarrhaus.

 

Wie damals üblich gab es auch ein ,Dienstmädchen', dass sich um die fünf Kinder kümmerte. Diese Kinderfrau gehörte mit zur Familie.

Der Vater

Der Vater Wilhelm
Der Vater Wilhelm

Dann kamen die Jahre, in denen die Nazis das Sagen hatten. Der Vater wurde für kurze Zeit ins Gefängnis gesteckt, weil er ein entschiedener Gegner des Regimes war und indirekt gegen das Unrecht von der Kanzel predigte. Die Anfeindungen und Schikanen der örtlichen Nazigrößen gipfelten in Sätzen wie ,Ich bringe Dich nach Dachau.'. Die Gefahr, genauso wie sein Kommilitone, Pfarrer Paul Schneider, im KZ Buchenwald umgebracht zu werden, war groß, und so entschied er sich nach einer anonymen Warnung, freiwillig zur Wehrmacht zu gehen. Sollte er im Krieg fallen, hätte seine Familie zumindest eine Rente, die es beim Tod im KZ nicht gab. Vater Dahm war übrigens bereits Offizier und Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg gewesen.

Jugend im Nationalsozialismus

Der Vater mit seinen Kindern
Der Vater mit seinen Kindern

Als Heranwachsender war Karl-Wilhelm  - wie alle anderen Jugendlichen auch - dem Einfluss der Nazi-Ideologie ausgesetzt. Dieser Beeinflusung, der Indoktrination konnte sich ein junger Mensch nur schwerlich entziehen, zumal die Aktivitäten (Spiel, Sport, Singen, Lagerfeuer etc.) in der Hitlerjugend als sehr attraktiv empfunden wurden.

Der Vater am 80. Geburtstag
Der Vater am 80. Geburtstag

Es kam daher nicht von ungefähr, dass Karl-Wilhelm und sein jüngerer Bruder in einen großen Gewissenskonflikt gerieten. Sie waren nämlich in der Hitlerjugend und im Gymnasium angehalten worden, alle Personen zu melden, die die sogenannten ,Feindsender' hörten. Sie wussten, ihr Vater und seine Freunde hörten heimlich diese Sender. Sollten sie den eigenen Vater anzeigen? Machten sie sich mitschuldig, wenn sie es nicht täten? Sie schwankten in ihrer Zwiespältigkeit. Das Pendel schlug zugunsten des Vaters aus. Ausschlaggebend waren die vom Vater erduldeten Leiden und Schikanen, die die Kinder hautnah miterlebten. Sie spürten in ihrem Inneren das Unrecht des Regimes.

Die Dorfkirche seines Heimatortes, der geheime Kompass seines  beruflichen Lebens
Die Dorfkirche seines Heimatortes, der geheime Kompass seines beruflichen Lebens

An ein anderes Erlebnis aus seiner Schulzeit erinnert sich Karl-Wilhelm Dahm: Auf der Oberschule gab es einen Zeichenlehrer, der von den Schülern scherzhaft ,Pinsel' genannt wurde. Die Schüler bekamen von ihm die Aufgabe, für die Väter an der Front eine Zeichnung auf einer Postkarte anzufertigen. Karl-Wilhelm hatte nur ein schwach ausgepägtes Maltalent. Auf Empfehlung der Mutter zeichnete er einen einfachen Tannenzweig und schrieb darunter ,Friede auf Erden'.

 

Der Lehrer, ein glühender Nazi-Anhänger, beschimpfte Karl-Wilhelm heftig, als er die Zeichnung sah. Karl-Wihelm musste in einer Art Spießrutenlauf von seinen Mitschülern mit ,Defätist' angeschrien werden. Er war zutiefst erstaunt und auch verletzt, denn er verstand die Reaktionen nicht.

Als dann sein Vater Heimaturlaub hatte, ging dieser zum Direktor, um sich für seinen Sohn einzusetzen. Es könne nicht sein, dass Schüler, deren Väter als Frontsoldaten dienten, so gedemütigt würden. Der Direktor - ein ,Goldfasan', er hatte das Goldene Parteiabzeichen - war wie der Vater im 1. Weltkrieg Offizier gewesen, zeigte Verständnis. Der Direktor ordnete an, dass solche Herabsetzungen nicht mehr geschehen dürften.

 

Ein schwerer Schicksalsschlag traf 1942 die Familie: Die Mutter starb im Kindbett und hinterließ fünf unversorgte Kinder. Der Vater war in dieser Zeit Soldat in Russland.

Nachkriegsjahre

Die 2. Mutter Ilse
Die 2. Mutter Ilse

Der Zeichenlehrer wurde bereits einige Monate nach dem Krieg wieder als Lehrer eingesetzt - ein Wendehals. Der NS-Schuldirektor, der Menschlichkeit gezeigt hatte, starb nach amerikanischer Gefangenschaft an den Folgen der Haftbedingungen.

 

Der Vater heiratete in diesen Jahren zum zweiten Mal. Seine Frau war vorher wegen ihrer Widerständigkeit gegenüber den Nazis als Lehrerin nach Polen zwangsversetzt worden. Ihr liebevolles Verständnis und ihr kirchliches Engagement prägte die Kinder.

Weihnachten um 1950 - Karl-Wilhelm mit Gebetbuch im Vordergrund
Weihnachten um 1950 - Karl-Wilhelm mit Gebetbuch im Vordergrund

In den Notzeiten nach dem Krieg musste die knappe Zuteilung von Lebensmitteln durch eine kleine Landwirtschaft ergänzt werden. Die entsprechende Arbeit auf den Feldern, im Ziegen- und im Schweinestall übernahmen vor allem die heranwachsenden Kinder.

 

Gleichzeitig aber legten die Eltern großen Wert auf eine gute Schulbildung und fleißiges Lernen. Darüber hinaus war das elterliche Pfarrhaus ausgerichtet auf eine ausgeprägte Bildungsvermittlung. Sicherlich ist dies einer der Gründe, dass alle drei Söhne später Universitätsprofessoren wurden.


Stationen

1951

Abitur, Studium der evangelischen Theologie und der Soziologie in Wuppertal, Tübingen, Göttingen, Hamburg, Münster

1957

das erste, 1962 das zweite theologisches Examen

1963

Promotion, wissenschaftliche Assistenz am Institut für Christliche Gesellschaftswissenschaften in Münster

1967

Professor am Theologischen Seminar Herborn.
1975

Ernennung zum ordentlichen Professor für Christliche Gesellschaftswissenschaften an der Theologischen Fakultät der Uni Münster
1996

Emeritierung


Berufliche Schwerpunkte

Drei Schwerpunkte beherrschten seine wissenschaftliche Foschungen und Publikationen:

  1. Empirische Kirchenforschung (empirisch:Von Erfahrungen, Beobachtungen+Umfragen ausgehend)
  2. ,Erfahrungslernen' im Blick auf ethisches Verhalten.
  3. ,Post graduate'-Lehrveranstaltungen für Theologen in den Kirchen des Südens (den früher sogenannten ,Jungen Kirchen').

1. Empirische Kirchenforschung

Karl-Wilhelm Dahm arbeitete heraus, das die Interessen der Gemeindemitglieder sich nicht nur am religiösen Jenseits orientieren. Ebenso stark ist der kirchliche Beistand und Rat von Pfarrern im alltäglichen Leben gewünscht. Wie zum Beispiel bei Fragen zu moralischen Werten: was ist verwerflich, was nicht. Die seelsorgerliche Begleitung in allen Lebenssituationen - von der Geburt bis zum Tod - gehören dazu. All dies hat Dahm in seinem Buch ,Beruf Pfarrer' (1971) erörtert. Es wurde ein Bestseller.

2. „Erfahrungslernen“ in der Berufsethik

Eine besondere Erfahrung machte Dahm durch das  ,Living learnung' in Seminaren mit amerikanischen Kollegen. Nicht Vorlesungen oder Seminare sichern den optimalen Lernerfolg, sondern das Lernen in Kleingruppen anhand praktischer Übungen mit Rollenspielen und gegenseitigen Rückmeldungen der Gruppenmitglieder.

 

Diese Methode des ,Erfahrungslernens' hat Karl-Wilhelm Dahm auch für für die berufliche Fortbildung weiterentwickelt, und zwar nicht nur für die Kirche, sondern auch für Industrieunternehmen. 25 Jahre lang hat Dahm solche praxisorientierten Seminare durchgeführt. Die Palette der Fallbeispiele war weitumspannend, wie zum Beispiel das ethische Verhalten bei der Mitarbeiterführung oder bei der ökologischen Verantwortung in der Berufspraxis.

3. Lehrveranstaltungen in den Kirchen des Südens

In den Jahren 1981 bis 2011 hat Karl-Wilhelm Dahm sein Wissen auch außerhalb Deutschlands eingebracht. In Indonesien, Namibia und auf den Philippinen nahmen Pastoren an seinen Seminaren des ,Erfahrungslernens' teil. Eine solche Lernmethode war für diese Menschen ganz neu. Und weil die Methode anders war als die der abstrakten Vorlesung, kam sie den Teilnehmern - auch wegen ihrer lebensfrohen Art- sehr entgegen.

 

Die Lernmethode war sehr beliebt. Karl-Wilhelm Dahm war über 40 Jahre hinweg zu diesen Seminaren gerngesehener Gast. Interessanterweise waren in den Veranstaltungen ebenso wie in Deutschland  die lebensweltlichen Themen am meisten gefragt: also ,pastorales Leitungsverhalten' sowie in der Unternehmensethik die Folgewirkungen von Korruption, die in der ,Dritten Welt' besonders grassierte, und nicht zuletzt die konkreten Maßnahmen zu mehr ökologischer Verantwortung im Nahbereich und weltweit.

Familiäres

Familienbild um 1975
Familienbild um 1975

Seine liebevolle Frau Anne litt über 40 Jahre lang an Multipler Sklerorse. Diese Krankheit hat sie klaglos - aus Gottes Hand - angenommen. Sie starb 2007. Eine Tochter wurde Pastorin, die andere Sozialarbeiterin, der Sohn kam in die leitende Position einer Bank. - Karl-Wilhelm Dahm ist seit 2010 partnerschaftlich verbunden mit Frau Mechthild Beyer. Das Motto ihrer beider Verbundenheit heißt: ,Mit Dir ist das Leben doppelt so schön!'.

Mit Mechthild Beyer
Mit Mechthild Beyer

Kleines Schlusswort

Es waren angenehme Stunden, die ich mit Karl-Wilhelm Dahm im Gespräch verbracht habe. Es gäbe noch vieles Weitere über ihn und sein Leben zu berichten, was aber den Rahmen dieser Seite sprengen würde. Leider.


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Fotos, wenn nicht anders benannt: Karl-Wilhelm Dahm