Liebe Leserin, lieber Leser,

Marina Hübscher war über Jahrzehnte als Kripo-Beamtin hauptsächlich für die Aufklärung von Sexualdelikten zuständig. Sie erzählt in diesem Beitrag über ihren Werdegang und über ihre Arbeit.

 

Es sei nicht besonders wichtig, dass über sie zu berichtet wird, sagte sie im Vorgespräch. Die Leserschaft mag sich selbst ein Urteil bilden...

 

Ihr Henning Stoffers


Marina Hübscher - Kommisarin aus Berufung

Marina im Freizeitpark
Marina im Freizeitpark

Marina kenne ich seit einigen Jahren. Dass ich über sie schreiben möchte, nahm sie eher widerstrebend zur Kenntnis. Aber dann haben wir uns Zeit genommen, und so ist dieser Beitrag entstanden.

 

Über innere Kraft und Stärke verfügte Marina, wenn es galt, schwerste, abscheuliche Verbrechen aufzuklären. Sie musste mit den Opfern sprechen und saß den Tätern gegenüber, was sicherlich nicht jedermanns Sache ist.

 

Jetzt im Ruhestand blickt sie auf diese Jahre zurück.

Familie und Kindheit

Travemünde 1963 - Marina mit Vater
Travemünde 1963 - Marina mit Vater

1954 wurde Marina Hübscher in Blankenburg (Sachsen-Anhalt) geboren. Die Familie flüchtete 1956 aus der damaligen DDR nach Westdeutschland. Ihr Vater wurde im Zusammenhang mit dem Volksaufstand von 1953 politisch verfolgt. Die Familie wohnte in Lünen, dort ging Marina in die Volksschule, später auf die Realschule und macht an der Fachoberschule ihr Fachabitur für Sozialpädagogik.

 

Die Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Der Vater war zunächst Berufssoldat und fand nach seinen Kriegsverletzungen nur noch Arbeit im Werkschutz.

Bad Ems 1964 - Marina mit Mutter
Bad Ems 1964 - Marina mit Mutter

Die Mutter arbeitete zeitweise als Sparkassenangestellte. Sie war fürsorglich, aber auch besonders ängstlich. Im Krieg hatte sie in Berlin zweimal die Bombardierung der Wohnung erlebt und hatte Jahrzehnte später noch große Angst, wenn sie ein Flugzeug hörte.

 

Marina und ihre Schwester wurden zur Sparsamkeit und in autoritärer Strenge erzogen, dazu gehörten Gehorsam und Pflichterfüllung. Als Flüchtlinge hatte es die Familie in ihrer neuen Heimat nicht einfach; sie wurden abwertend als ,Polacken' bezeichnet.

Bei der Weiblichen Kriminalpolizei

Ein Leumundszeugnis
Ein Leumundszeugnis

Nach dem Abitur hatte Marina bereits einen Studienplatz für Soziaolpädagogik, den sie aber nicht annahm. Dann wollte sie für ein Jahr in ein israelisches Kibutz, um bei der Orangenernte zu helfen. Dieses Vorhaben redete der Vater ihr aus. Aus eigenem Antrieb entschied Marina sich für die Polizeilaufbahn. Die Vielfältigkeit des Berufes, der Umgang mit Menschen faszinierten sie.

 

Marina bewarb sich bei der Polizei in Münster, bestand die Prüfung und wurde 1971 eingestellt. Sie kam in das damals noch bestehende Kommisariat WKP (Weibliche Kriminalpolizei). Mit 17 Jahren - sie fiel noch unter des Jugendschutzgesetz - war Marina die jüngste Kriminalpolizistin in NRW und hatte bereits einen Führerschein für Dienstfahrzeuge. Ihre Chefin achtete aufgrund des jugendlichen Alters sehr darauf, das die Pausregelungen eingehalten wurden und dass Marina spätestens um 22 Uhr Dienstschluss hatte.  Die Vorgesetzte war ,Mutter' Düring, und Marina wurde mit ,Fräulein Hübscher' angesprochen. - Die unverheiraten Polizistinnen wurden damals noch mit ,Fräulein' angeredet, was heute nicht mehr vorstellbar ist.

Aus einer Beurteilung
Aus einer Beurteilung

Das Kommisariat hatte die Zuständigkeit für Kinder- und Jugendkriminalität. Es ging um Fälle wie Ladendiebstahl, Körperverletzung oder Sachbeschädigung. Waren die jugendlichen Täter strafunmündig, gab es eine enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und mit den Einrichtungen der Erziehungshilfe.

Anfangs kümmerte sich Marina hauptsächlich um die Jugendkriminalität. Dann verlagerte sich ihre Tätigkeit immer mehr zu den Sexualdelikten. Es waren hauptsächlich Frauen und Kinder, die Opfer dieser Straftaten wurden. Sie vernahm die Täter und sprach mit den Frauen und Kindern.

 

Nur mit innerem Abstand und Professionalität kann mit dieser schwierigen Aufgabe umgegangen werden, und diese Eigenschaften hatte Marina. Vielen anderen Kolleginnen war dieser ,Job' nicht erstrebenswert.

Familie + Beruf

Marina als Mutter
Marina als Mutter

Mariana lernte Horst Kisnat kennen, der bei der Schutzpolizei arbeitete. Sie heirateten und bekamen zwei Kinder. Horst blieb drei Jahre als Hausmann zuhause und sorgte für die Kinder. Danach reduzierte Marina ihre Arbeitszeit auf halbe Tage und stockte sie später - wie es die häusliche Situation zuließ - immer weiter auf.

 

Diese Jahre waren nicht einfach, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. - Die Ehe wurde 2005 geschieden.

 

Eine organisatorische Änderung führte im Jahre 1978 zur Auflösung der Weiblichen Kriminalpolizei. Die Beamtinnen wurden auf andere Kommisariate verteilt. Mariana behielt die Zuständigkeit für Sexualdelikte.

Bei der Arbeit

Im Büro
Im Büro

Sie hatte über die Jahre eine große Erfahrung auf diesem Gebiet erworben, sie war unbürokratisch und zeigte Emphatie. Gegenüber Opfern und Tätern trat sie nicht autoritär auf. Sie hatte das nötige Fingerspitzengefühl, wenn ein Täter, der Probleme mit seiner Sexualität hatte, nicht mit ihr als Frau sprechen wollte oder konnte. Ein männlicher Kollege übernahm dann das Verhör.

Einige Fälle

Marina Hübscher kann über eine Vielzahl von Verbrechen erzählen, bei denen sie zur Aufklärung beigetragen hatte:

Da war ein Serientäter, der in einem Waldgebiet Frauen vergewaltigte. Kriminaltechnisch war die Spur des Täters angelegt, wurde aber als nicht erfolgversprechend weiter verfolgt. Man ging der Sache nochmals auf den Grund, und es gelang Marinas Kollegenkreis, die Taten einem Mann zuzuordnen und sie ihm nachzuweisen. Er wurde verurteilt. Nach seiner Freilassung tötete er eine Frau.

 

Ein junger Mann saß in einer JVA ein. Als Urlauber besuchte er seine Großmutter. Bei dieser Gelegenheit nahm er den dort verwahrten Ersatzschlüssel der Nachbarin an sich. Der Mann drang in die Wohnung der Nachbarin ein und vergewaltigte sie aufs Grausamste. Die Frau war älter als 80 Jahre. Sie starb Monate später. Ob die schweren Verletzungen zu ihrem Tod geführt hatte, konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Ein 12-jähriger Junge war mit seinem Freund auf einem Sommerfest. Der Inhaber eines Standes wollte ihnen abends seinen Lamborghini zeigen. Seinem Freund gelang die Flucht. Der Junge wurde von dem Mann sadistisch gequält, brutal verletzt und vergewaltigt. Der Junge konnte sich befreien und fliehen. Noch nie hat Marina ein so schwer misshandeltes und traumatisiertes Kind gesehen.

 

Ein pädophiler, junger Mann hat weinend seine reine und große Liebe zu einem 12-jährigen Mädchen beteuert. Er konnte nicht verstehen, dass es verboten ist, mit einem Kind eine sexuelle Beziehung zu haben. Die guten Gründe für das Verbot wollte er nicht gegen sich gelten lassen.

 

Bundesweite Schlagzeilen machte ein Mord in Münster. Die Leiche der ermorderten jungen Frau hatte der Täter, eingerollt in einem Teppich, durch die Straßen der Stadt mit einem Handkarren gezogen. Das tragische Geschehen beherrschte die Tagespresse.

Ein Blick zurück

Wichtig und bedeutsam war die ausgezeichnete Kollegialität und das Vertrauen untereinander. Ohne diese Grundlage wäre vieles nicht möglich gewesen. Unbürokratische Alleingänge konnten daher ab und zu gemacht werden, wenn es die Situation erforderte.

Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch
Polizeipräsident Hans-Joachim Kuhlisch

Marina erlebte die rasante technische Entwicklung, die auch bei der Polizei Einzug hielt. Anfangs wurden die Fahndungskärtchen zhandschriftlich oder mit der Schreibmaschine ,Monica' ausgefüllt und kamen dann in die ,Krabbelkiste'.  Aus diesem Dateikasten wurden die erledigten Kärtchen manuell aussortiert. Und dann kamen die Computer...

 

In dieser Zeit waren die Urlaube mit der Familie wichtig. Man fuhr mit dem Wohnwagen quer durch Deutschland und Europa. Die Kinder wuchsen heran, es waren glückliche, aber keine ruhigen Jahre. - 1997 erlitt Marinas Vater einen schweren Schlaganfall. Die Pflege an seinem Wohnort Lünen organisierte Marina aus der Ferne. Oft musste der Vater wochenlang zur Versorgung nach Münster geholt werden. Der Vater starb 2001.


Fragen

Tragen Kripo-Leute - wie in den TV-Krimis - immer ihre Waffe?

Das Tragen einer Waffe ist gemäß Dienstvorschrift außerhalb der Diensträume Pflicht. In Krimis macht sich das besonders gut, wenn eine attraktive Beamtin so bei ihrer Arbeit gezeigt wird.

Kann Mitgefühl für einen Täter entwickelt werden?

Nein, sonst hätte ich meinen Beruf nicht professionell ausüben können. Vielmehr verdienen die Opfer unser Mitgefühl.

 

Sind Deine Kinder auch zur Polizei gegangen?

Nein. Sie haben Berufe ergriffen, die ihren Neigungen entsprechen.

 

Beschäftigen, verfolgen  Dich heute noch Geschehnisse aus der Dienstzeit?

Schwerwiegende Fälle bleiben in meiner Erinnerung haften. Sie verfolgen mich aber nicht in meine Träume.

Waren Deine Eltern stolz auf Dich?

Den Ausdruck ,stolz' lehne ich für mich ab. Aber sie werden sich aber über den von mir eingeschlagen Weg gefreut haben.

 

Was ist Dir zuwider?

Ungerechtigkeit und warmes Bier.

 

Wo machst Du gern Urlaub?

Am liebsten am Meer. Die Weite, die Freiheit und die Natur lassen mich zu mir finden.

Würdest Du wieder zur Polizei gehen?

Ja, auf jeden Fall. Der Beruf ist so vielseitig und interessant. Man lernt alle Facetten menschlichen Lebens kennen. Man wird dankbar und demütig auf sein eigenes Leben, wenn man das Leid Anderer erleben muss.

Ein großer Wunsch?

Meine Familie und Freunde mögen gesund bleiben. Zudem wünsche ich mir, dass sich die weltpolische Lage verbessert und die Menschen ein friedvolles Miteinander finden. Natürlich sorge auch ich mich um die Zukunft unserer Erde und denke dabei an die uns folgenden Generationen.

Schlusswort

Marina ist eine Frau mit viel Herzenswärme, Freundlichkeit und Humor. Das Elend der Opfer und die Abgründe menschlichen Handelns, die sie sah und erlebte, kann nur ein Mensch mit besonderen Charaktereigenschaften ertragen. Dazu gehören innere Distanz, Spürsinn, Einfühlungsvermögen und ein gefestigter Gerechtigkeitssinn. Mit diesen Gaben ist Marina Hübscher ausgestattet.


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Fotos, sofern nicht anders angegeben: Marina Hübscher