Lieber Leserin, lieber Leser,

Norbert Nientiedt traf ich erstmals bei einem Glas Bier im Kreuzeck. Ohne dass wir uns näher kannten, hatten wir sofort ein gegenseitiges Interesse, sich näher kennenzulernen. Als ich ihn dann bei einer seiner Lesungen erlebte, war es klar, dass über diesen Menschen, der sich als verdeckten Seelsorger bezeichnet, geschrieben werden muss.

 

Ihr Henning Stoffers


Norbert Nientiedt

Verdeckter Seelsorger + Autor

Norbert Nientiedt erlebt die Welt mit offenen Ohren und Augen. Das normale Alltagsgeschehen analysiert er und macht daraus kleine Geschichten mit Tiefgang. Die Essenz seines persönlichen Erlebens teilt er - ohne belehrend zu sein und ohne moralischem Zeigefinger - dem Leser oder Hörer auf seine ganz eigene Art mit. Ein Schuss Humor ist immer dabei, und so werden seine Geschichten hörens- und lesenwert.

Stationen

Mit Großmutter 1951
Mit Großmutter 1951

Norbert kam 1948 in der Klinik Wesener-Roth am Zentralfriedhof zur Welt. Seine Mutter Emmy hatte Hauswirtschaft gelernt, der Vater Anton war Bauingenier und musste sehr früh die familiäre Baufirma übernehmen. Zweitweilig hatte die Firma an die 150 Mitarbeiter. Man hatte sich nach dem Krieg auf das Wiederherstellen von Kirchengewölben spezialisiert.

Norbert links außen mit Geschwistern 1961
Norbert links außen mit Geschwistern 1961

Norbert hat 4 Geschwister, wovon ein Bruder verstorben ist. Zunächst ging es auf die

Überwasserschule, danach auf die Eichendorffrealschule in der Schulstraße und später aufgrund seiner guten Schulleistungen zum Hittorfgymnasium. Kurz vor seinem Abitur äußerte Norbert den Wunsch, dass er Priester werden wolle.

Norbert rechts außen mit Geschwistern 1968
Norbert rechts außen mit Geschwistern 1968
Mit Mutter Emmy 1968 in Grado
Mit Mutter Emmy 1968 in Grado

Nach dem Abitur wurde Norbert Seminarist im münsterschen Borromäum. Das Studium der Theologie war auf 13 Semester angelegt. Dabei gab es einen zweisemestrigen Studienaufenthalt in München. Politisch war Norbert sehr engagiert. Diskussionen mit Maoisten etc. in den 68er Jahren ging er nicht aus dem Wege.

In Paris 1969
In Paris 1969

Nach Abschluss des Theologiestudiums mit Diplom hätte Norbert seine erste Priesterweihe zum Diakon bekommen sollen. Aber er war sich nicht sicher, ob das Priesterleben für ihn das Richtige ist. Auf seine Bitte hin war er daraufhin ohne Priesterweihe probeweise ein Jahr in einer Pfarre bei sehr geringem Salär tätig. Dabei spielte der Zölibat nicht die entscheidende Rolle, vielmehr fragte er sich, ob er in das starre Gefüge der Kirche hineinpasse.

 

Diese Probezeit verschaffte ihm die Gewissheit, sich nicht für den Priesterberuf zu entscheiden. Er bildete sich weiter und besuchte das Lehrerseminar in Münster, legte das 2. Staatsexamen ab und wurde Lehrer an der Hildigardisschule. Norbert lernte seine künftige Frau kennen, und sie bekamen zwei Kinder.

Mit wachem, offenen Blick - Als junger Lehrer 1978
Mit wachem, offenen Blick - Als junger Lehrer 1978

Im Gespräch

Foto Henning Stoffers
Foto Henning Stoffers

Was ist Dir wichtig?

Es ist sehr spannend, Biografien zu lesen..., aber noch viel mehr interessiert es mich, in lebendigen Begegnungen in den Gesichtern von Menschen zu lesen, ihnen zuzuhören und mich einzulassen, um ihnen ein Gegenüber anzubieten.

 

Gotteserfahrungen sind dann sogar möglich, denn ich bin sicher, dass er in Menschen, vor allem in leidenden Menschen eher zu erfahren ist, als in bombastischen Kirchen. Gott versteckt sich, ja er verkleidet sich..., nicht unbedingt in Priestergewändern, sondern öfter in der geschundenen und ungerecht behandelten Kreatur.

 

Wie erlebst Du die Krankenseelsorge?

Dem Menschen möchte ich in den letzten Stunden seines Lebens nahe sein, die Hand halten. Ich habe erlebt, wie ein Mensch allein, umgeben  von blinkender Technik, gestorben ist. Die Wahrheit am Krankenbett ist nicht die medizinische Analyse, sondern das menschliche Begleiten.

 

Was isst Du gerne?

Neben dem, was ich gerne esse, esse ich vor allem gerne mit anderen zusammen, so dass es ein Fest der Begegnung wird. s.o.

 

Was wünscht Du Dir?

Dass es meiner Frau und unseren Kindern gut geht, dass wir Glück erfahren dürfen, dass es mit meinen Büchern weitergeht, dass ich solche Erfahrungen - wie im Altenheim St. Lamberti - weiter geschenkt bekomme. Wenn Menschen sich aufgegeben haben (hat viele Gesichter), sie wiederaufzurichten, ihnen Mut zuzusprechen etc., das ist eine große Freude, ja, kann sogar (aktuell) zu einer österlichen Erfahrung werden.... (siehe Kom sta op am Schluss).

Wie siehst Du die Rolle der katholischen Kirche?

Die Kirche hat nicht die Aufgabe, ängstlich sich selbst zu verkündigen, Pfründe und Strukturen zu sichern, an Altem festzuhalten, sondern muss die frohmachende und befreiende Botschaft Jesus dem Christus überall dort leben, wo Menschen unwürdig behandelt werden oder sich selbst in Egoismus + Gier verrannt haben. Kirche muss DIENEN, nicht herrschen und so die Botschaft von der Fußwaschung wichtiger nehmen, als Selbstbestätigungen!!!

 

Ich habe eine Vision: Mit vielen Menschen zusammen mutig Räume zu schaffen, damit Menschen leben können, die ungerecht behandelt wurden oder in unwürdigen Verhältnissen gezwungen werden zu leben. Mit den Domfreunden (ich bin Mitglied) versuchen wir so etwas Ähnliches. Die Domfreunde unterstehen nicht der kirchlichen Hierarchie und sind auch kein Dombauverein. Es sind freie Menschen, die konfessionell ungebunden versuchen, in dieser schönen und alten Stadt christlich soziale Projekte anzuschieben, zu fördern..., wie beispielsweise die Palliativstation im Herz-Jesu-Haus.

Norbert mit Brüdern
Norbert mit Brüdern

Es darf nicht sein, dass die Schreie der Kinder und Frauen, die missbraucht und misshandelt wurden, der Soldaten, die in sinnlose Kriege geschickt wurden, der Menschen, denen man das vorenthalten hat, was andere im Überfluss täglich genießen können, ...KURZ: es darf nicht sein, dass diese Schreie im unendlichen Weltall einfach verhallen. Das ist meine Hoffnung und die ist mir wichtig.

 

ALLES ANDERE kann ich nicht wirklich beschreiben, schon gar nicht wie Gott aussieht o.ä., oder ob ich immer an ihn glauben kann. Glaube ist wie Liebe eher wie ein dynamischer Prozess mit allen Höhen und Tiefen in diesem Leben.  Wir sollten - und damit meine ich insbesondere die verfasste Kirche - nicht so von Gott reden, als ob wir ihn kennen würden. Ahnen ist da schon besser. Noch besser wäre es, weniger von ihm zu sprechen und mehr das zu leben, was er uns aufgetragen hat. Menschen aufzurichten, die bedrückt oder niedergedrückt wurden. Diesen kritischen Maßstab möchte ich über mein Leben setzen.


Komm, steh auf!: Begegnungsgeschichten aus dem Alltag

„KOM STA OP!“, das war der rote Faden der Osternacht in der kleinen Kirche an der belgisch-französischen Küste. Nach seiner wunderbaren Predigt schenkte der Pfarrer jedem das eindrucksvolle Bild von einer Waldlichtung und dem rückseitigen persönlichen Gebet mit dem Titel „Kom sta op“.

 

Nach der Feier waren alle in den Pfarrsaal geladen, und ich nahm Platz neben einem Mann, der gerade an der Aufforderung „Kom sta op!“ zu knapsen schien. Er reichte mir das Brot und den Rotwein, und in seinem Blick sah ich Not. Schließlich begannen wir ein schwieriges Gespräch. Er sprach weder Deutsch noch Englisch, und mein Niederländisch und Französisch sind begrenzt. Ich bat ihn, einfach herauszulassen, was ihn bedrängte. Er schlug vor, zu ihm zu gehen. Nach einem fünfzehnminütigen Fußweg kamen wir an. Er weckte seine Frau – es war 1 Uhr nachts – die für uns einen starken Kaffee kochte und sich dann wieder zurückzog. Jetzt begann er zu reden, zu stammeln und zu weinen. Ich begriff, dass seine erste Frau sich von ihm getrennt hatte und in Brüssel lebte. Er litt darunter, dass sie von dem neuen Partner geschlagen und vernachlässigt wurde. An diesem Karsamstag hatte sie ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass nun ihr gemeinsames Kind ebenfalls geschlagen wurde. Er war wütend, niedergeschlagen und wollte doch endlich aktiv werden, “aufstehen“. Wir arbeiteten jetzt gemeinsam an einem Konzept, das sein Kind und seine Frau schützen sollte. Von Münster aus wollte ich die einzelnen Schritte begleiten (was später auch wirklich möglich war!).

 

Um 4 Uhr in der Frühe verabschiedeten wir uns draußen bei strömendem Regen; er nahm mich in den Arm und sagte leise: „Heute, in dieser Osternacht, hat Gott mir einen Engel geschickt.“ Wie auf Flügeln erreichte ich pitschenass morgens um halb fünf meine Pension. Bis zum Frühstück war nicht an Ruhe zu denken. Nach einem opulenten Ostermahl aber konnte ich wunderbar einschlafen. Nachmittags um 17 Uhr sagte ich mir dann: „Kom sta op“ und der anschließende Spaziergang am Meer war die stärkste österliche Erfahrung, die ich bisher machen durfte.

 

Kapitel aus Norbert Nientiedts Buch: Komm, steh auf!

Begegnungsgeschichten aus dem Alltag

ISBN 978-3-87023-397-6


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Fotos, sofern nicht anders angegeben: Norbert Nientied