Liebe Leserin, lieber Leser,

Theo Hülsbömer kenne ich als Berufskollegen seit vielen Jahren. Näher kennengelernt habe ich ihn jedoch erst in diesen Monaten.

 

Theo lebt seit mehr als 80 Jahren im Kreuzviertel. Er kann Kreuzviertel-Geschichten aus einer Zeit erzählen, die längst vergangen ist. So habe ich ihm zugehört und diesen Beitrag geschrieben.

 

Ihr Henning Stoffers


Theo Hülsbömer - Ein Original-Kreuzviertler

Theo Hülsbömer wohnt im Herzen des Kreuzviertels. Seine Wohnung liegt in einem Mehrfamilienhaus, das um 1900 gebaut worden ist. Den Krieg hat es weitgehend unbeschadet überstanden. Was in der Enge der Bebauung kaum zu vermuten ist, zeigt sich versteckt hinter dem Haus: ein kleiner Garten, idyllisch und liebevoll angelegt.

Stationen

Theo Hülsbömer wurde 1937 geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Theos Vater arbeitete beim Stadtsteueramt. Die Mutter hatte das Schneiderhandwerk gelernt, war aber wegen der Kinder - wie damals üblich - Hausfrau. Die Familie wohnte in der Uppenbergstraße 8.

 

Theo besuchte die Uppenbergschule,

machte seine Lehre bei Elektro-Heikes und wurde Elektriker. Er arbeitete bei Siemens & Halske und war bis zu seiner Pensionierung als Techniker bei einer Bank beschäftigt.

 

In etlichen Vereinen ist Theo aktives Mitglied: Karnevalsverein Unwissität, ABC-Schützenverein 5. Kompanie, Münsterscher Männergesangverein, Schützenbruderschaft Liebfrauen Überwasser von 1630, TG Turngemeinde

Theo rechts mit Freunden
Theo rechts mit Freunden

Theo erinnert sich

Bunker Lazarettstraße - Foto Wilfried Schroeder
Bunker Lazarettstraße - Foto Wilfried Schroeder

In den Kriegsjahren diente mein Vater als Soldat an der Front. Wie es damals vielen Familien erging, war auch meine Mutter mit uns Kindern auf sich allein gestellt. Bei Fliegeralarm flüchteten wir in den Bunker in der Lazarettstraße. Und wenn keine Zeit mehr für den Weg dorthin war, ging es in unseren Kohlekeller, wo wir bange Stunden verbrachten.

Theo mit künftiger Frau (links)
Theo mit künftiger Frau (links)

1945 kehrte mein Vater aus der Gefangenschaft zu uns zurück. Damit wir uns über Wasser halten konnten,  machte er die Buchführung für eine Gärtnerei in Roxel. Als Lohn gab es Naturalien, wie zum Beispiel ein Karren voll mit Zuckerrüben. Sie wurden einfach vor unser Haus geschüttet. Mutter machte im Waschkessel daraus Rübenkraut.

 

Auch bei der Schneiderin Dickmann, gegenüber Mutter Birken, führte mein Vater die Bücher. Ihr Mann war Müller bei Hölschers Mühle an der Steinfurter Straße. Als Lohn bekam Vater einen Kopfkissenbezug voll Mehl.

 

Unsere Wohnung hatte kein Badezimmer. Jeden Samstag war Badetag. Mit meinen beiden Geschwistern Irene und Heinz kamen wir nacheinander in die Zinkwanne. Das war für uns ganz normal, es war einfach so.

Bildmitte Vater Gerhard mit Kollegen vom Stadtsteueramt
Bildmitte Vater Gerhard mit Kollegen vom Stadtsteueramt

Damals waren Kohlen zum Heizen Mangelware. Aber da gab es den Hausmeister Göllmann von der Uppenbergschule. Den Koks für die Schulheizung ließ er nur zum Teil ausbrennen und lagerte die Reste in einer Ecke am Rande des Schulgrundstücks. So gab er den Nachbarn und uns die Gelegenheit, den fast abgebrannten Koks abzuholen. Es war eine Form der Nachbarschaftshilfe, wir waren ihm dankbar.

Die Schmiede - Foto Wilfried Schroeder
Die Schmiede - Foto Wilfried Schroeder

Ich erinnere mich an den Schmied Gröninger, ein Kerl wie ein Baum. Seine Schmiede lag neben Mutter Birken. Wenn dann einmal die Rollschuhe, der Schlitten oder andere Spielgeräte kaputt waren, brachte er sie wieder in Ordnung. Etwas brummig sagte er nur: ,Stell mal in die Ecke'.

Drogerie Ostendorf später Polsterei Eugen Schwermann - Foto Wilfried Schroeder
Drogerie Ostendorf später Polsterei Eugen Schwermann - Foto Wilfried Schroeder

Gegenüber von Mutter Birken hatten die Ostendorfs ihre Drogerie. Der Sohn C. klaute hin und wieder Süßigkeiten und andere begehrenswerte Dinge, die er an uns Schüler verkauft. Wenn der Vater dies bemerkte, flüchtete C. vor seinem Vater, um der zu erwartenden Ohrfeige zu entgehen.

So mag das Gemüsegeschäft ausgesehen haben. Foto Pooy Seidel
So mag das Gemüsegeschäft ausgesehen haben. Foto Pooy Seidel

Zum Einkaufen wurde ich in den Jahren um 1948 oft zum Gemüsegeschäft Broscheidt an der Grevener Straße - Ecke Altumstraße geschickt. Die Waren waren vor dem Laden ausgelegt. Meine Mutter ermahnte mich, ich solle aufpassen, dass heimlich kein faules Obst zuunterst in die Tüte gelegt werde. Sie kannte Frau Broscheidt zu gut.

Bäckerei A. Schmdit heute
Bäckerei A. Schmdit heute

Ich war in diesen Jahren ein kleiner Lausbub und zu allerlei Streichen und auch Dummheiten aufgelegt. Da war die Gärtnerei von Tante Anna an der Uppenbergschule. Sie trug immer ein Baskenmütze. Über die hohe Hecke warf ich Steine und zertrümmerte die Scheiben der dahinterliegenden Gewächshäuser. Es gab eine Tracht Prügel.

 

Und wieder wurde mir der Hintern versohlt. Ich hatte den Briefkasten neben der Bäckerei Schmidt am Schlosstheater angesteckt. Dabei war ich beobachtet worden.

Gegenüber der Bäckerei Schmidt lag das Milchgeschäft Ernst. Mit einem Halblitergefäß schöpfte Frau Ernst Milch in die Kannen der Kunden. Dabei lag immer einer ihrer Finger in der Milch. Jeder hat's bemerkt, aber niemand hat daran Anstoß genommen.

 

Ich ging mit der Milchkanne zum Milchgeschäft. Zwei Liter gingen hinein, und in einem unbeobachteten Augenblick nahm ich auf dem Nachhauseweg einen kräftigen Schluck.

Das alte Kreuzviertel

Das alte Ackerbürgerhaus Nordstraße 31
Das alte Ackerbürgerhaus Nordstraße 31

Mein Kreuzviertel hat sich in den Jahrzehnten stark gewandelt. Die einfachen Häuser ohne Keller haben mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern Platz gemacht.

Oben der Neubau mit der Bonifatius-Apotheke.


Dettenstraße einst und heute
Dettenstraße einst und heute

Gravierend hat sich das Bild des Kreuzviertels verändert. Wo früher nur vereinzelt ein Auto stand, ist heute nur mit Müh' und Not ein Abstellplatz zu finden.

Ein Schlusswort

Jenseits der Achtzig nehmen die Wünsche ab. Aber was ich mir sehr wünsche, dass alte Häuser möglischst erhalten bleiben. Es sind kleine Denkmäler unserer Vergangenheit.

 

Wichtig ist mein guter Freundeskreis, den ich aus vollem Herzen hege und pflege. Zeit meines Lebens ist das Kreuzviertel immer meine Heimat gewesen. Hier sind meine Wurzeln. Hier bin ich geboren, und hier werde ich einmal sterben.


Quellen

Text und Idee: Henning Stoffers

Fotos, sofern nicht anders angegeben: Henning Stoffers