Eiswinter vor 50 Jahren

Als der Schnee in Münster 300 000 DM schluckte

Der Winter 1962/63 war anders. Als die Winter davor und die Winter danach.
Er gilt als einer der strengsten Winter des 20. Jahrhunderts.


Rhein und Main sind zugefroren und nach Sylt kann man mit dem Käfer oder mit dem Trecker über das eisige Watt düsen.


Auch Münster steckt fest im Griff des Grönlandhochs und versinkt regelrecht unter Bergen von Schnee. Als es ab Weihnachten weiß und kalt wird, freuen sich die meisten noch über die romantischen Flocken.


Schließlich gehört es zu den eher seltenen Ereignissen, dass die Münsteraner sowohl an Weihnachten als auch an Silvester durch knöcheltiefen Schnee stampfen können.
Aber dann kommt es knüppeldick. Bereits in der Neujahrsnacht fallen die Flocken gleich tonnenweise vom Himmel und Münster versinkt unter einer weißen dicken Decke.
Und das ist erst der Anfang: Noch ahnt niemand, dass in den nächsten Wochen die Tage länger und die Nächte kürzer werden. Bereits morgens um vier Uhr rücken die Männer vom städtischen Fuhrpark an um dem weißen, kalten Monster die Stirn zu bieten. Mit 30 angemieteten Lastwagen und einem Schneefräser, der den Schnee von der Straße auf die Wagen schleudert.


Außerdem fegen und schieben ununterbrochen ein Frontlader und mehrere Raupen den Schnee beiseite. Die Straßen werden wie Kartoffelfelder umgepflügt und an den Rändern entstehen riesige Schneeungetüme, die nach und nach abgetragen und dann in eine Mulde am Koldenring aufgetürmt werden. Bald wird auch noch das Streusalz knapp und die dringend benötigten Lieferungen erreichen Münster nicht, da der Kanal zugefrorenen ist und keine Schiff mehr durchkommt.


Auch die Busse geraten ins Stocken. Die Linie 8 nach Coerde und die Verbindung von Handorf nach Dorbaum müssen bis auf Weiteres eingestellt werden. Kolonnen werden losgeschickt um die Haltestellen wieder frei zu buddeln. Münsters Taxifahrer können sich auch nicht über Langeweile beschweren. Sie schaffen es kaum noch, ihre Halteplätze anzufahren, denn Vorrang haben jetzt die Fahrten zum Bahnhof. Auf den Straßen geht´s nur im Schneckentempo voran und vor den Häusern geht das große Schaufeln los.


Selbst der münstersche Nachwuchs findet den Schnee bald nicht mehr cool, denn statt Schlittenfahrt heißt es Schnee schippen und Kohlen auftreiben.


Bei bis zu minus 15 Grad Dauerfrost wird in den schlecht isolierten Nachkriegs-Wohnungen gebibbert und gefroren. Draußen frieren sogar die Mülltonnen am Boden und der Müll an den Tonnen fest, wie Oberinspektor Stolle vom städtischen Fuhrpark meldet. Für die Männer der Müllabfuhr, die die schweren Eisen-Tonnen durch die Schneeberge wuchten müssen, ist das Schwerstarbeit.


Der Boden ist 30 Zentimeter und an einigen Stellen sogar noch tiefer gefroren und der Aasee liegt unter einer dicken Eisdecke.


Auf dem Kanal liegen über 100 Schiffe, die fest in einem Eispanzer feststecken.


Selbst den Seehunden im Zoo ist es zu frostig. Und da die Wasserbewohner nicht auf Tiefkühlkost stehen, müssen die Wärter die Heringe für die Robben stets in heißem Wasser warm halten. Außerdem muss der Zoo unerwartete Besucher aufnehmen: Schwäne, die völlig fertig auf dem Feld liegen bleiben, Haubentaucher, Grünspechte und ein Waldkauz, der wieder „aufgetaut“ werden muss.


Die Stadt hat für den Winterstreudienst 95 000 DM eingeplant, doch jetzt verschlingt schon ein einziger Tag 15 600 DM an Fremdlöhnen, um die Schneemassen einigermaßen in den Griff zu kriegen. Stadtbaurat Dr. Dübbers erklärt in einem Interview mit der Münsterschen Zeitung, dass die Hauptarbeit jetzt sei den Schnee zu beiden Seiten der Straßen zu räumen: „Das ist in Anbetracht der Schneemengen eine Angelegenheit, die nicht von heute auf morgen zu schaffen ist.“


In einer Ratssitzung zum Thema „Eis- und Schneeräumung“ will Ratsherr Pohlmeier wissen, warum man nicht Einheiten der Bundeswehr angefordert habe. Dazu erklärt Stadtbaurat Dr. Dübbers, die Bundeswehr würde nur bei Katastrophenfällen eingreifen. Von einem solchen könne man in Münster jedoch noch nicht sprechen. Ratsherr Müller befürchtet, dass die aufgetürmten Schneeberge an der Mecklenbecker Straße bei Tauwetter zu schlimmen Überschwemmungen führen können. Stadtbaurat Dr. Dübbers beruhigt mit den Worten: „Das Wasser wird nicht bergauf fließen!“ Außerdem vermutet er, dass die Auftauung der Schneeberge noch bis April dauern wird.


Ganz so lange dauert es dann doch nicht. Als es Anfang März endlich wieder wärmer wird, steht fest: Der Schnee hat in Münster 300 000 DM geschluckt!


Aber etwas Positives kann man über den Eiswinter von 1962/63 doch noch sagen: Nämlich, dass die Berufsfeuerwehr auf dem Aasee für die Jugend eine „tadellose Eisbahn“ geschaffen hat!