Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist immer wieder spannend, am Schreibtisch zu sitzen und noch nicht zu wissen, ob das gewählte Thema ergiebig und sinnvoll behandelt werden kann. Die Arbeit hat eine hilfreiche Eigendynamik und die vielen Mosaiksteinchen fügen sich zu einem Ganzen zusammen.

 

Das nächste Thema? Vielleicht Münsters alte Gaststätten oder die Germania-Brauerei? Wir werden sehen...

 

Ihr

Henning Stoffers


Ein Stadtteil mit Charme - Das Kreuzviertel

Um 1930
Um 1930

Kreuztor, Kreuzschanze, Buddenturm, Kreuzkirche, Nordstern, Geisberg, Uppenberg. Diese Namen sind mit einem Stadtteil verbunden, der direkt am nördlichen Promenadenring und somit in nächster Nähe zu Münsters Stadtkern liegt - dem Kreuzviertel.

 

Dieser Stadtteil hat seinen besonderen Charme über die Jahrzehnte erhalten. Dies liegt auch daran, dass er im 2. Weltkrieg von einer starken Bombardierung verschont geblieben ist. Eine in der Nachkriegszeit oft aus der Not geborene einfache und einfallslose Architektur hat es hier kaum gegeben.

Ein besonderes und weitgehend unbekanntes Kleinod ist der Martin-Niemöller-Park. Bekannt dagegen ist die Parkanlage der Kreuzschanze mit den Stelen der Dichterin Annette von Droste Hülshoff, des Musikdirektors Julius Otto Grimm und des Zoologen Bernhard Altum. An der Kreuzschanze machte der junge Max Geisberg vor mehr als 100 Jahren seine Ausgrabungen.

Geschichte des Namens

Das Kreuz ist der Namensgeber des Viertels. Um zu erfahren, warum das so ist, müssen wir fast 900 Jahre zurückgehen:
Eine der Festungsanlagen war das Kreuztor in Münsters Norden. Es wurde nach einem alten Brauch so benannt. Seit etwa 1150 trug die Metzgerzunft ein großes Kreuz, das sich im Dom befand, feierlich zum Nord-/Kreuztor und von dort weiter in Richtung Kinderhaus. Nach einer Predigt ging es zurück zum Kreuztor. Nach der Waschung des Kreuzes mit Wein wurde es im Dom wieder aufgestellt. Wenn die Kette beim Aufziehen besonders knarrte, glaubte man an ein gutes Zeichen für eine reiche Ernte. Zu Zeiten der Täufer wurde dieser Brauch beendet.


Hermann von Kerssenbroick erwähnt diesen Brauch in seiner ‚Geschichte der Wiedertäufer zu Münster‘. Überliefert ist von anderer Seite, dass die Täufer das Kreuz mit Jauche übergossen hätten. Dies dürfte eher in den Bereich der Legenden gehören, denn eine gesicherte Quelle hierfür gibt es nicht.

Vor etwa 200 Jahren

Kartenausschnitt 1839 - 6222.284.15
Kartenausschnitt 1839 - 6222.284.15

Die Karte von 1839 zeigt ein landwirtschaftlich genutztes Gebiet vor den Toren der Stadt, die Bauerschaft Uppenberg. Kein größeres Haus ist weit und breit zu sehen. Die Parzellen waren recht klein, sie wurden von den Münsteranern als Gärten genutzt. Die eingezeichneten kleinen Gebäude waren Kötterhäuschen (sh. nachstehend), Gartenhäuser oder Schuppen. Kleine, unbefestigte Wege durchziehen das Parzellengeflecht. Die größeren Wege lassen die künftigen Straßen erahnen: zum Beispiel die Coerdestraße, die Nord- und die Heerdestraße.

Nordstraße 31 um 1970
Nordstraße 31 um 1970

Das Haus der damaligen Gemüsehandlung Blanke. Dieses kleine Gebäude war typisch für die damalige Bebauung im Vorfeld der Stadt. Einfachste Bauausführung, statt Holzdielen gab es einen gestampften Lehmfußboden. Das Gemüse und das Obst ernteten Blankes in nächster Nähe. Sie hatten für diese Zwecke ein Grundstück zwischen der Melchersstraße und dem Friesenring.

Erste Anfänge

Kartenausschnitt 1864 - 6222.284.15
Kartenausschnitt 1864 - 6222.284.15

Aber bereits nach 1864 sind deutliche Zeichen der künftigen Stadterweiterung im Norden Münsters zu erkennen. Ein Zeitgenosse skizzierte mit Bleistift die neuen Straßenzüge in diesen Stadtplan. Wer dies war und wann es geschah, lässt sich heute nicht mehr klären. Aber Insiderkenntnisse dürfte er gewiss gehabt haben. Zu sehen ist auch der projektierte ‚Rhein-Weser-Elbe-Canal‘, der nicht realisiert worden ist. Er wäre quer durchs Kreuzviertel gegangen.

Bauboom

Gertrudenstraße 37 - Prof. Geyser
Gertrudenstraße 37 - Prof. Geyser

Ende des 19. Jahrhunderts begann eine rasante Neubautätigkeit. Allein der Bauunternehmer Hermann Borchard errichtete mehr als 50 Häuser, die durchweg gehobenen Ansprüchen genügten. 10 Zimmer und mehr als 200 qm Wohnfläche waren an der Tagesordnung. Es war das ‚Neubaugebiet‘ der höheren Einkommensschicht. Hier ist besonders die Gertrudenstraße zu erwähnen, die auch ‚Professorenstraße‘ genannt wurde.

Das Wegekreuz am Nordplatz

Die Ansichtskarte von etwa 1900 zeigt den Nordplatz in Richtung Wienburgstraße. Das Wegekreuz steht im Vordergrund, es gibt bereits eine Gaslaterne, ein Pferdefuhrwerk ist abseits zu sehen. Die Straßen sind unbefestigt und weisen tiefe Spurrillen auf. Bei Regen dürfte es kein Vergnügen gewesen sein, durch den Matsch zu gehen. Die dahinter liegenden Häuser sind schlicht und einfach gehalten.

 

Anhand der Postkarte ist dieser Ort heute nicht wiedererkennbar. Ein kleiner Park ist jetzt dort angelegt. Das alte Wegekreuz wurde in der Nazizeit zerstört und nach dem Krieg durch ein neues Kreuz ersetzt.

Die Kreuzkirche

Die Kreuzkirche noch ohne Turm
Die Kreuzkirche noch ohne Turm

1899 wurde der Grundstein der Kreuzkirche gelegt. Der Neubau (Architekt Hilger Hertel der Jüngere) war 1902 so weit fertig gestellt, sodass Bischof Hermann Dingelstad die Altarweihe vornehmen konnte. Erst 1907 begann der Bau des 87 Meter hohen Kirchturms, der 1908 mit Setzen des Turmhahns abgeschlossen werden konnte. Die Kosten hierfür brachten hauptsächlich die ‚Jünglingssodalität‘ und die ‚Jungfrauenkongregation‘ durch Aufführung von Konzerten und Theaterstücken auf. Überhaupt war das Engagement der jungen Gemeinde sehr groß. So stiftete zum Beispiel die Familie Hüffer die Orgel und den Johannesaltar.

 

Später war die Kreuzkirche auch einige Jahre Garnisonskirche. Sie erlitt im 2. Weltkrieg erhebliche Bombenschäden, die nach Kriegsende relativ rasch behoben werden konnten. Als Bischof Clemens August von Galen kurz nach seiner Erhebung zum Kardinal verstarb, wurde seine Leiche in die Kreuzkirche überführt. Nach dem feierlichen Pontifikalrequiem am 28. März 1946 führte ein großer Trauerzug zum zerstörten Hohen Dom. Dort fand die Beisetzung statt.

Dreifaltigkeitskirche
Dreifaltigkeitskirche

Eine interessante Aufnahme. Im Vordergrund die Kinderhauser Straße. Die kleinen Häuser darüber mussten dem Friesenring weichen.

Aus der Zeit 1933-1945

Die Nordstraße wurde von den Nationalsozialisten in die Hermann-Göring-Straße umbenannt. 1945 erhielt sie ihre alte Bezeichnung zurück. Die ‚Zuckerbäckervilla‘ am Kreuztor beherbergte eine Dienststelle der Gaubehörde. Den Bunker an der Studtstraße verwendete die Gestapo zum Kriegsende als Gefängnis.

Einige Bilder zum Schluss

Hoyastraße 3-5 Nordstern
Hoyastraße 3-5 Nordstern
Nordstraße 2 Lebensmittelgeschäft Plachta
Nordstraße 2 Lebensmittelgeschäft Plachta

Die Coerdestraße um 1910
Die Coerdestraße um 1910
Dettenstraße um 1910
Dettenstraße um 1910

Hier wurde gemogelt. Links die Originalaufnahme ohne Turm. Rechts mit Turm, der hineinretuschiert wurde.

Lokal Die Kreuzschanze
Lokal Die Kreuzschanze
Der Nordstern
Der Nordstern
Stadtplan 1935 - 6222.284.15
Stadtplan 1935 - 6222.284.15