Liebe Leserin, lieber Leser,

wann waren Sie das letzte Mal im Botanischen Garten? Ich muss gestehen, dass mein letzter Besuch bereits etliche Zeit zurückliegt. Die Recherche für diese Geschichte war ein guter Grund, einmal wieder in den idyllischen Garten zu gehen.

 

Die Entstehung und die ersten hundert Jahren des Botanischen Gartens sind die Schwerpunkte des geschichtlichen Abrisses.

 

Ihr Henning Stoffers


Ein kleines Paradies

Der Botanische Garten

Münster Anfang 1800

Ausschnitt aus Manger-Stadtplan von 1839 - 6222.284.15
Ausschnitt aus Manger-Stadtplan von 1839 - 6222.284.15

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist Münster eine kleine Stadt mit etwa 15.000 Einwohnern. Es gibt den Bischofssitz, eine kleine Universität, das fürstbischöfliches Schloss, viele Kirchen, mehr als 200 Schankwirtschaften und natürlich eine geschichtsträchtige Vergangenheit.

 

1802/1803 übernimmt der preussische Staat das Stift Münster.

 

Preussische Provinzialhauptstadt ist Münster noch nicht, die unruhigen Zeiten der Besetzung durch französischen Soldaten stehen noch bevor.

Erste Überlegungen

Mit der Eingliederung Münsters in den preussischen Staat gibt es viele Dinge zu regeln. Die preussische Regierung setzt eine Kommission unter der Leitung des Freiherrn von Stein ein,  die sich um die Organisation der Verwaltung, der Justiz und des Bildungswesens zu kümmert.

 

Die Universität ist nur unzureichend ausgestattet, es fehlen wichtige Forschungsstätten. So kommt es 1803 zu dem Beschluss, einen botanischen Garten mit fremden Bäumen, Sträuchern, Gewächsen und Heilkräutern für die wissenschaftliche Forschung und Lehre einzurichten. Zunächst geht es also nicht darum, sich der heimischen Pflanzenwelt zu widmen und diese als Forschungsobjekt zu betrachten.

Die Gründung

Der Gartenplan 1835 - ULB Münster
Der Gartenplan 1835 - ULB Münster

Der Arzt und Botaniker Franz Wernekinck bekommt 1803 den Auftrag, ein geeignetes Grundstück zu suchen und einen umfassenden Plan über Baulichkeiten, Bepflanzung, die Herstellungs- und die Folgekosten aufzustellen. Eine immense Aufgabe.

 

Aber es muss das ,Rad nicht neu erfunden' werden, denn es gibt bereits solche Anlagen. Zu dem Botanischen Garten in Berlin und den Herrenhäuser Gärten in Hannover nimmt Wernekinck daher schriftlichen Kontakt auf.

 

Es geht alles sehr schnell, denn bereits Mitte 1803 kann Wernekinck einen ausführlichen Plan vorlegen. Er schlägt den Schlossgarten als geeigneten Standort vor. Der geplante Garten hat einen geometrischen, pfeilförmigen Grundriss und beginnt direkt hinter dem Schlossgebäude. An der breitesten Stelle wird als Mittelpunkt ein runder, 400 qm-großer Teich vorgesehen. Die Längsrichtung wird später verkürzt. Der 24jährige Gärtner Anton Haas ist eingestellt worden, der zunächst andere Gärten bereist, um Erfahrungen zu sammeln. Auch soll er die notwendigen Samen mitbringen.

 

Da die Geldmittel unerwartet knapp geworden sind, kann Wernekincks Plan in den ersten Jahren nur eingeschränkt umgesetzt werden.

 

Hier finden Sie weitere historische Pläne des Botanischen Gartens. (ULB Münster)

Idylle am Rande des Teichs
Idylle am Rande des Teichs

Über den Gründer Franz Wernekinck

Gemeines Knabenkraut -  Kolorierte Zeichnung von Franz Wernekinck - ULB
Gemeines Knabenkraut - Kolorierte Zeichnung von Franz Wernekinck - ULB

Der Arzt und Botaniker Franz Wernekinck wird 1764 in Lüdinghausen auf der Burg Vischering geboren. Er entwickelt bereits in seiner Kindheit großes Interesse an naturkundlichen Beobachtungen. Nach dem Medizinstudium arbeitet Wernekinck als Arzt in Münster, und zwar zunächst im Zuchthaus und im ,Hospital der Barmherzigen Brüder'. Mit 28 Jahren wird er neben seiner ärztlichen Tätigkeit Lehrer am Paulinum. 1797 erhält Wernekinck den Lehrstuhl für Botanik - eine neuen Abteilung der medizinischen Fakultät - an der münsterschen Universität.

 

Franz Wernekinck kann als eigentlicher Schöpfer des Gartens bezeichnet werden. Er ist bis zu seinem Tod im Jahre 1839 mit Leidenschaft, Hingabe und hohem sozialen Engagement Arzt, Hochschullehrer und ein äußerst begabter Pflanzenmaler. Daneben besaß Wernekinck ein hervorragendes Organisationstalent.

Die Orangerie
Die Orangerie

Unruhige Zeiten

um 1910 - Privataufnahme
um 1910 - Privataufnahme

Münster steht in den Jahren  1806 bis 1813 unter der großherzoglich-bergischen und später unter französischen Verwaltung. Es sind schwere Zeiten. Der Unterhalt des Gartens kann nur durch den Verkauf von Obstbäumen und anderer Gewächse aufrecht erhalten werden. Zudem werden Pflanzen aus Privatbesitz zur Überwinterung in das neu errichtete Gewächshaus übernommen. Dann kommt es zur Verpachtung kleiner, ungenutzter Gartenparzellen an interessierte Bürger. Vielleicht kann man dies als Vorläufer der Schrebergarten-Idee bezeichnen...

 

Auch muss der Gärtner Anton Haas wegen fortwährender Unzuverlässigkeit entlassen werden. An dessen Stelle tritt Heinrich Revermann. Diese Personalentscheidung erweist sich als goldrichtig, denn nunmehr geht es mit neuem Schwung voran. Revermann setzt Akzente und prägt die weitere Entwicklung entscheidend mit.

Einwohnerbuch 1853
Einwohnerbuch 1853
Aus dem Tropenhaus
Aus dem Tropenhaus

Neuordnung und Neuorientierung

Ansichtskarte von 1900
Ansichtskarte von 1900

Münster steht wieder unter preußischer Verwaltung. 1818 werden durch den Oberpräsidenten von Vincke die juristische und medizinische Fakultäten aufgehoben und nach Bonn verlagert. Die Universität hat nur noch den Rang einer Akademie. Der Botanische Garten mit Franz Wernekinck wird der philosophischen Fakultät zugeordnet.

 

Auch die bisherige Zielsetzung änderte sich gravierend: Künftig hat sich der Botanische Garten ausschließlich den einheimischen Pflanzen zu widmen. Einzige Ausnahme bilden die fremden, nichtheimischen Pflanzen, die für medizinische Zwecke geeignet sein müssen. Sie sollen als Anschauungsmaterial werdenden Medizinern präsentiert werden. Auch soll der Schwerpunkt nicht mehr auf der wissenschaftlichen Forschung liegen. Ausdrücklich zugelassen sind die Zucht und der Verkauf von Obstbäumen, Sträuchern und Blumen zur Finanzierung der Ausgaben.

Einwohnerbuch 1853
Einwohnerbuch 1853
Ansicht um 1900
Ansicht um 1900

Ruhigere Fahrwasser

1950er Jahre Privataufnahme
1950er Jahre Privataufnahme

Die politische Situation hat sich beruhigt, die Franzosen sind abgezogen, und Münster gehört wieder zum Königreich Preußen.

 

Die finanziellen Mittel sind nach wie vor knapp bemessen. Daher müssen in großen Mengen Bäume und Sträucher für den Verkauf gezogen werden. Auch die Überwinterung von Pflanzen wird weiter angeboten. Von der ursprünglichen Zielsetzung ist man weit entfernt. Überspitzt gesagt: Es besteht die Gefahr, dass aus dem Botanischen Garten eine Gärtnerei mit einer großen Verkaufsabteilung wird.

Kolorierte Ansichtskarte um 1900
Kolorierte Ansichtskarte um 1900

Einige Jahre später kommt es zur Wende. Es wird höhererseits angeordnet, eine möglichst vollständige Darstellung der deutschen Flora zu erreichen. 1823 wird ein Alpinum (Steingarten mit Alpenpflanzen)  angelegt.

 

Im klassizistischen Baustil entsteht 1840 die Orangerie, die heute unter Denkmalschutz steht. 30 Jahre später wird das erste Palmenhaus gebaut.

Der tüchtige Gärtner Bernhard Revermann sorgt in seiner 52jährigen Tätigkeit für Kontinuität. Revermann betreibt das Baumschulgeschäft, bringt einen ersten Samenkatalog heraus, beaufsichtigt den Schlossgarten einschließlich Botanischem Garten und die Schlossgräfte mit der Fischerei. Eine administrative Leitungsfunktion - so kann heute diese Tätigkeit bezeichnet werden. - Dies alles ist für die Anfänge des Gartens von besonders großer Bedeutung und eine Weichenstellung für die Zukunft.

 

Nach häufigen Wechseln in der Leitung des Botanischen Gartens - unter den Leitern war auch Freiherr von Bönninghausen - wird 1867 Theodor Nitschke (1834-1883), Professor der Botanik, Chef des Botanischen Gartens. Nitschke drängt den kommerziellen Teil zu Gunsten der wissenschaftlichen Forschung und Lehre zurück und betreibt engagiert Öffentlichkeitsarbeit, die bis dahin so gut wie keine Bedeutung hat.

Einwohnerbuch 1910
Einwohnerbuch 1910

Eine kleine Exkursion rund um den Garten

Ausschnitt Stadtplan 1864 aus Heinrich Geisbergs Büchlein: Merkwürdigkeiten der Stadt Münster
Ausschnitt Stadtplan 1864 aus Heinrich Geisbergs Büchlein: Merkwürdigkeiten der Stadt Münster

Der Ausschnitt des Stadtplans gibt Dank seines Detailreichtums Aufschluss über die damalige direkte Umgebung des Botanischen Gartens. Es mutet heute wie einen phantastischer Aprilscherz an, dass vor 150 Jahren ein Kanal quer durch die Stadt führen sollte.

Bootstour am Schloss?

  • Im rechten Teil führt über den Neuplatz eine rotgepunktete Doppellinie von unten nach oben. Es handelt sich um einen geplanten Schifffahrtskanal. Damals war ein ein ,Rhein-Weser-Elbe-Canal' projektiert.
    Von Westen - entlang der Aa - kommend sollte der Kanal in Höhe der Goldenen Brücke das Stadtgebiet erreichen. Die Weiterführung war über den Neuplatz, durch das heutige Kreuzviertel und weiter im Norden über die Kanalstraße stadtauswärts geplant.
  • Der damalige Botanische Garten reicht bis an die Rückseite des Schlosses.
  • Zu sehen sind ein großer ,Schlossküchengarten', Stallungen und eine Reitbahn.
  • Im unteren Bereich, halb rechts, gibt es eine Schleuse für die Bewässerung der Schlossgräfte.
  • Im unteren Teil ist eine Insel zu sehen. Dort wird 20 Jahre später Münsters Zoo entstehen.
  • Südlich und westlich des Botanischen ist kaum eine Bebauung erkennbar. Die Felder werden als Gärten genutzt.

Forschung - Ausbau - Gefährdungen

Das Botanische Institut
Das Botanische Institut

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entsteht ein kleiner Hörsaal und das Botanischen Institut.

 

Professor Carl Erich Correns (1864-1933) unternimmt im Botanischen Garten intensiv seine Kreuzungsexperimente.

 

Der Botanische Garten ist mit seinen Einrichtungen eine anerkannte Forschungsstätte geworden.

 

1913 kommt der Gärtner Georg Ludewig als Technischer Leiter an den Botanischen Garten. In seiner langjährigen Dienstzeit (bis 1947) wird er vor große Aufgaben gestellt: Die beiden Weltkriege und die Inflation der 20er Jahre gefährden den Fortbestand des Botanischen Gartens.

Leitender Gärtner Georg Ludewig
Leitender Gärtner Georg Ludewig

1915 wird Professor Friedrich Wilhelm Beneke (1868-1946) Chef des Botanischen Gartens. Unter Professor Beneke und Georg Ludewig wird der Botanische Garten weiterentwickelt und ausgebaut. Das Palmenhaus, heute als Tropenhaus bezeichnet, wird 1935 errichtet. Zur Erinnerung daran sind dort Plastiken ihrer Köpfe angebracht.

Professor Friedrich Wiilhelm Beneke
Professor Friedrich Wiilhelm Beneke

In diesen Jahren wird die Verlagerung des Botanischen Gartens diskutiert. Aus denkmalpflegerischer Sicht solle der Schlossgarten wieder so hergerichtet werden, wie er einmal war. Heftige Diskussionen werden ausgelöst. 1940 kommt eine ministerielle Entscheidung, dass mit Rücksicht auf die Kriegsverhältnisse einer Verlagerung nicht näher getreten werden kann.

Zerstörung

Das Botanische Institut heute
Das Botanische Institut heute

Die Auswirkungen der beiden Weltkriege und  der Inflation gehen nicht spurlos am Botanischen Garten vorbei. Insbesondere zum Ende des 2. Weltkrieges sind die Zerstörungen an Gebäuden und technischen Einrichtungen verheerend. Viele Pflanzen werden vernichtet. Das Botanische Institut, getroffen durch eine Luftmine, ist ausgebrannt und nur noch ein Trümmerhaufen.

Wiederaufbau und die Jahre danach

Garteninspektor Georg Ludewig Dienstzeit (1913-1947) mit Enkel Wolfgang Göbel - Foto F. Wegener 10.12.1950
Garteninspektor Georg Ludewig Dienstzeit (1913-1947) mit Enkel Wolfgang Göbel - Foto F. Wegener 10.12.1950

Bereits Ende der 1940er Jahre kann die Öffentlichkeit den Botanischen Garten wieder besuchen. Fünf Gewächshäuser sind bereits hergerichtet. Mit dem Wiederaufbau, der Sanierung und dem Ausbau des Gartens geht es in den nächsten Jahren zügig weiter.


Neue Ideen werden realisiert, ökologische Aspekte finden mittlerweile große Berücksichtigung, insbesondere der Schutz und Erhalt gefährdeter Pflanzen und deren Lebensräume.
Ein heimischer Bauerngarten wird eingerichtet.

1990 gründet sich der  ,Förderkreis Botanischer Garten der Universität Münster e.V.'.

Ein Tast- und Riechgarten besteht seit 1993. Die Fleischfressende Pflanzen finden das besondere Interesse der Besucher.

Ein Pavillon steht zur die Information der Besucher nahe am Eingang des Botanischen Gartens. Und vieles andere mehr...

Plastik zur Erinnerung an Carl Correns mit Herbert Voigt, dem Technischen Leiter des Gartens
Plastik zur Erinnerung an Carl Correns mit Herbert Voigt, dem Technischen Leiter des Gartens
Versteinerter Baum im Botanischen Institut
Versteinerter Baum im Botanischen Institut

Mehr über Georg Ludewig

Rainer Ludewig, Enkel von Georg Ludewig, stellte mir freundlicherweise Aufzeichnungen seines Vaters Theodor Ludewig sowie einige Bilder und Zeitungsausschnitte zur Verfügung die ich gern veröffentliche. Bitte klicken Sie hier.

Ein Wort zum Schluss

Vor mehr als 100 Jahren war der Botanische Garten beliebtes Motiv für Ansichtskarten. Die Karten wurden an Freunde und Verwandte geschickt und gingen in alle Welt. Das Motto dürfte gewesen sein: ,Seht mal, wie schön es hier ist!'. Wie recht sie hatten! Die Menschen waren stolz auf ihren Botanischen Garten.

 

Ich möchte Ihr Interesse wecken, dieses kleine Paradies nahe Münsters Mitte zu besuchen.

Die Pforte zum kleinen Paradies
Die Pforte zum kleinen Paradies

Vielleicht werden Sie in einem der Gewächshäuser das Gefühl haben, in eine andere Zeit versetzt zu sein. So geht es jedenfalls mir. - Der Eintritt ist frei, und ein Fotoapparat sollte nicht fehlen. Vielleicht nehmen Sie an einer Führung teil..., Kaffee und Kuchen gibt's anschließend im nahegelegenen Schlossgartenrestaurant.


Dank

Mein herzlicher Dank für die freundliche Unterstützung geht an den Direktor des Botanischen Gartens, Herrn Professor Dr. Kai Müller, an den Technischen Leiter, Herrn Herbert Voigt und - in nachbarschaftlicher Verbundenheit - an Herrn Professor Dr. Fred Daniels.

 

Quellen

Hans Kaja:

Franz Wernekinck - Arzt und Botaniker und seine Pflanzenbilder aus dem Münsterland 1995

Rolf Wiermann: Der Botanische Garten 2003

Universitäts- und Landesbibliothek Münster: Auszüge aus Einwohnerbüchern 1853 und 1910

Henning Stoffers: Text, Fotos und Ansichtskarten soweit nicht anders angegeben