Liebe Leserin, lieber Leser,

der Aasee gehört ganz selbstverständlich zum Stadtbild, als hätte es ihn schon immer gegeben. Und so glaubt man es kaum: Es sind erst 90 Jahre her, dass mit dem Ausbau des Aasees begonnen wurde. Der 1. Weltkrieg verhinderte einen früheren Beginn. Nur 81 Jahre sind vergangen, seit der erste Teil des Aasees fertiggestellt wurde.

 

Ganz erheblichen Anteil am Entstehen des Aasees hat unser Professor Hermann Landois. Gern erinnere ich an diesen eigenwilligen und kreativen Menschen, dessen Todesjahr sich zum 110 Mal jährt.

 

Ihr

Henning Stoffers

 

PS

Diese Bildgeschichte ist in dem Magazin Münster! (Printausgabe März 2015) erschienen.


Professor Landois und der Aasee

Früher Feuchtwiesen - Heute Naherholungsgebiet

In alten Zeiten

Ein kleiner Fluss durchquert von alters her die Stadt Münster, vom Südwesten kommend, einige Biegungen machend, die Befestigungsanlagen mit Wasser versorgend, verlässt die Aa das Stadtgebiet nordwärts, und zwar als Kloake, belastet mit dem Unrat und den Hinterlassenschaften der Bewohner. Die hygienischen Bedingungen waren bis zum Beginn der Neuzeit katastrophal und sind für uns heute nicht mehr vorstellbar.

 

Ein anderes Übel kam hinzu: Wenn die Aa Hochwasser führte, wurde die Altstadt regelmäßig überschwemmt.

Bischof lässt Münster überfluten
Im Jahre 1660 belagerte der Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen die Stadt Münster, die damals etwa 12.000 Einwohner zählte. Um die Münsteraner zur Aufgabe zu bewegen, wurden Dämme errichtet, um die Stadt von der Wasserversorgung und dem Wassermühlenbetrieb abzuschneiden. Das Wasser staute sich an der Stelle des heutigen Aasees, bis die Dämme brachen, und das Wasser die Stadt überflutete. Die Stadt ergab sich daraufhin dem Fürstbischof.

Goldene Brücke
Goldene Brücke

Im 19. Jahrhundert
Um 1850 gab es auf der Höhe der Gaststätte Himmelreich eine Badeanstalt und einige Jahre später eine Garnison-Waschanstalt nahe der Friedrichsburg. Südöstlich der Aa entwickelte sich der ländliche Vorstadtbereich Pluggendorf, noch bestehend aus etlichen Mühlen und vereinzelten Gebäuden. Der Zoo wurde 1875 eingerichtet. Auf der anderen Seite der Aa entstand 1887 der Zentralfriedhof.

 

Die 'Goldene Brücke' wurde gebaut. Im Volksmund erhielt die Brücke diesen Namen, weil die Baukosten so hoch waren, dass man die Brücke gleich aus Gold hätte bauen können.

 

Die Stadt wuchs über die Grenzen des Promenadenringes hinaus. Mit dem Bau des Bahnhofes und des Hafens dynamisierte sich das Wachstum zusätzlich.

Bauplanung - Bild 'Das schöne Münster'
Bauplanung - Bild 'Das schöne Münster'

Landois - Ein See für Münster
Ende des 19. Jahrhunderts hatte der legendäre Gründer des Münsterschen Zoos, Professor Hermann Landois, die Idee, einen Stausee anzulegen.

 

Statt der sumpfigen Wiesen vor den Toren der Stadt könnte an dieser Stelle ein See entstehen. Durch die Regulierung des Wasserstandes würden künftig Überschwemmungen des Stadtgebietes vermieden. Auch dachte er an eine Trinkwasserversorgung und an Freizeitmöglichkeiten für die Münsteraner.

 

Landois konnte damals nicht ahnen, wie stadtbestimmend seine Vision einmal werden würde.

Professor Landois vor seinem Denkmal an der Tuckesburg
Professor Landois vor seinem Denkmal an der Tuckesburg

Landois, Lehrer, Priester und Naturwissenschaftler, war nicht nur für seine besondere Art und absonderlichen Gewohnheiten über die Grenzen der Stadt bekannt. Als ein etwas kauziger Vogelfreund gründete er einen Anti-Katzenverein. Zu Lebzeiten ließ er sich vor seinem Wohnsitz, der Tuckesburg, sein eigenes Denkmal bauen, vor dem er sich ablichten ließ. Hiervon wurden Ansichtskarten produziert. Der Verkaufserlös kam dem Unterhalt des Zoos zugute.

 

Landois war auch ein typisches Kind seiner Zeit, und so hatte er keine Probleme, in 'seinem' Zoo eine 'Völkerschau' zu veranstalten.

 

In diesen damals üblichen Veranstaltungen wurden Menschen aus fernen, exotischen Ländern gezeigt. Die hiesigen Bürger waren natürlich neugierig, denn sie hatten bislang nie einen Menschen mit schwarzer oder gelber Hautfarbe gesehen.

Erdaushub -  Bild 'Das schöne Münster'
Erdaushub - Bild 'Das schöne Münster'

Bau und Fertigstellung
Landois starb 1905. Erst 9 Jahre später, im Jahre 1914, war es so weit, dass mit dem Aushub für den See begonnen werden konnte. Doch die Arbeiten mussten nach kurzer Zeit mit dem Beginn des 1. Weltkrieges eingestellt werden. 1925, elf Jahre später, konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden. 9 Jahre dauerte es, bis der Aasee fertiggestellt werden konnte.

 

Der damalige Oberbürgermeister Georg Sperlich regte an, den Aushub nahe der Gaststätte Himmelreich aufzuschütten. Die Aufschüttung sollte so hoch sein, dass ein freier Blick bis zur Altstadt möglich sei.

 

Später wurde an dieser Stelle eine aus Pluggendorf stammende Mühle aufgestellt. Sie stand nur wenige Jahre und wurde während des Krieges zerstört.

Aufschüttung an der Gaststätte Himmelreich mit Mühle, die Torminbrücke im Hintergrund - Foto Carl Pohlschmidt
Aufschüttung an der Gaststätte Himmelreich mit Mühle, die Torminbrücke im Hintergrund - Foto Carl Pohlschmidt
Vor Fertigstellung des 2. Bauabschnittes um 1933. Das Gauhaus ist noch nicht erbaut.
Vor Fertigstellung des 2. Bauabschnittes um 1933. Das Gauhaus ist noch nicht erbaut.

1934 war der Aasee fertiggestellt und wurde sofort von der Bevölkerung als Erholungs- und Freizeiteinrichtung angenommen.

 

Die Nationalsozialisten errichteten 1936 das Gauhaus, das direkt am neuen Aasee neben der Baugewerkschule – heute Handwerkskammer – lag. Der See umfasste damals ca. 20 Hektar bei einer Tiefe von knapp 2 Metern.

Universitätsforum - Bild 'Das schöne Münster'
Universitätsforum - Bild 'Das schöne Münster'

Vergrößerung des Aasees

Nach dem 2. Weltkrieg wurden verschiedene Pläne aus den 30er Jahren verworfen. So sollte ein riesiges Universitätsforum südwestlich der Torminbrücke errichtet werden. Die Nationalsozialisten hatten gar eine überdimensionierte 'Tempelanlage' realisieren wollen. Stattdessen wurde der weitere Ausbau des Aasees in Angriff genommen.

 

Die Seefläche verdoppelte sich auf 40 Hektar. Hinzu kam, dass der alte Zoo dem Neubau der Landesbank weichen musste. Und so konnte Münsters neuer Allwetterzoo am südwestlichen Teil des neuen Aasees errichtet werden.

Gauhaus 1936
Gauhaus 1936

Eine kopflose Leiche

In meiner Kindheit war es selbstverständlich, dass die Familienspaziergänge auch am Aasee gemacht wurden. Es musste nicht immer nach Handorf zu 'Vennemann' oder 'Maikotten' gehen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Eltern sich bei einem dieser Spaziergänge flüsternd mit Bekannten unterhielten. Die Ohren wurden gespitzt, was gab es Geheimnisvolles? Man hatte am Aaseeufer eine kopflose Leiche gefunden, Ober- und Unterkörper waren voneinander getrennt, der Kopf unauffindbar. Dies war nichts für die Ohren eines 13-Jährigen, so meinten meine Eltern. Der bekannte ‚Rohrbach-Prozess‘ beherrschte später über Jahre die Schlagzeilen der Presse.

Das Grab damals und heute.
Das Grab damals und heute.

Heute
Der Visionär Landois hatte das richtige Gespür: Heute ist der Aasee ein wunderschönes Naherholungsgebiet mit einem besonderen Freizeitwert. Ein Parklandschaft, umgeben von Skulpturen und pulsierendem Leben.

 

Der Aasee wurde mit seinen Grünflächen 2008 zu Deutschlands und 2009 zu Europas schönstem Park gewählt.

 

Keine 300 Meter vom Aasee entfernt befindet sich auf dem Zentralfriedhof seine Grabstelle. Das Kreuz, das sich ursprünglich auf seinem Grabstein befand, wurde im Bombenkrieg zerstört.

 

Was würde Landois sagen, wenn er seine real gewordene Idee sehen könnte?