Liebe Leserin, lieber Leser,

seit Jahrhunderten gibt es die Türmer auf dem St. Lamberti-Kirchturm. Es ist eine alte Tradition mit einer damals durchaus lebenswichtigen Funktion für die Stadt und deren Bewohner. Auch heute noch kann abends das Tuten vom Turm gehört werden. Eine Türmerin - erstmals eine Frau - verrichtet dort ihren Dienst.

 

Dieser Beitrag ist ein kleiner Streifzug durch die wechselhafte Geschichte der Turmbläser.

 

Ihr Henning Stoffers


Die Türmer von St. Lamberti

Aus der Geschichte

Auf dem höchsten Turm einer Stadt gab es seit dem Mittelalter den Türmer, für den es viele weitere Namen gibt: Turmwächter, Turmhüter, Turmwärter, Turmbläser, Nachtwächter, Nachtbläser, Wächter, Bläser oder Spielmann genannt. Er hatte die Aufgabe, die Bewohner vor Gefahren zu warnen: Ausbruch eines Brandes, heranrückende Banden oder Soldaten. ‚Die ganze Wohlfahrt der Stadt hängt von dem Turmbläser ab.‘, so eine urkundliche Erwähnung aus dem Jahre 1777. In Münster gibt es seit 1383 einen Türmer, der über die Stadt wacht. Aber sicher ist diese Jahreszahl nicht, weil etliche Urkunden und Unterlagen während der Wirren der Täuferzeit vernichtet worden sind.

Viele Jahrhunderte waren es zwei Türmer, die auf dem Turm wachten, und zwar Tag und Nacht. Es gab genaue Vorschriften für die Wachzeiten und wann zu Tuten war. So musste zu jedem Stundenschlag geblasen werden und außerdem, wenn 'im Felde Volk zu Pferde oder zu Fuß anrückte'.  Sollte Feuer und Brand an Häusern und Schornsteinen bemerkt werden, war zudem die Brandglocke zu schlagen. Noch heute wird die alte Brandglocke gebaiert, wenn ein neuer Oberbürgermeister gewählt worden ist.

 

Während des 30jährigen Krieges hatte die Funktion des Türmers eine große militärische Bedeutung, wie auch später in Zeiten besonderer Bedrohung.  So gab es Ende des 16. Jahrhunderts - auf der Überwasserkirche - auch einen weiteren Türmer.

 

Der Wachdienst auf dem Turm war nicht einfach. Kälte, Wind und Regen setzten den Türmern sehr zu. In der Regel mussten die Türmer die Kohle für einen kleinen Ofen und das Öl für die Beleuchtung aus eigener Tasche bezahlen. Brennholz war wegen der Feuergefahr nicht zulässig. Hin und wieder gab der Magistrat Zuschüsse für Heizung und Licht.

 

Strenge Dienstvorschriften

Für den Türmer galten genaue Dienstobliegenheiten. 1583 gab es eine Dienstentlassung, weil der damalige Türmer die Tagwache versäumte. 1593 eine Bestrafung mit 5 Mark Geldbuße, weil der Türmer 6 fremde Personen auf den Turm gelassen hatte. 1598 wurde der Türmer bei Wasser und Brot festgesetzt, weil er beim Brande nicht auf dem Turm war.

Es gab Ermahnungen, Bestrafungen und Entlassungen für alle möglichen Verfehlungen. Sei es, dass ‚Weiber‘ auf den Turm gelassen wurden, durch Alkoholgenuss das Blasen versäumt wurde oder auch Unrat auf dem Turm verblieben war.

 

In die lange Liste der Vorschriften passt sehr gut die Instruktion aus dem Jahre 1902: ‚Bei Strafe sofortiger Entlassung hat er sich jeder Verunreinigung des Turmes, namentlich des Ausgießens eines Nachtgeschirrs auf dem Umgang oder von diesem herab zu enthalten.’ Oder mit kurzen Worten: ,Wer seinen Nachttopf über die Brüstung ausschüttet, der fliegt!.`

 

Dies alles zeigt, wie wichtig die Funktion des Türmers genommen wurde. War er doch Garant für die Sicherheit der Bewohner.

Zeitweise hatte der Türmer weitergehende Aufgaben. So musste er samstags die Straße fegen, und zwar vor dem Rathaus, dem Markt vor den Fischbänken (Alter Fischmarkt) und die Stelle beim Strafesel an der Gerichtsstätte (vormals Anna Koene, Prinzipalmarkt 19, Höhe Einmündung Rothenburg). Bei der Hinrichtung eines armen Sünders auf dem Markt läutete er die Lamberti-Totenglocke.

 

Die Flucht des Türmers

Am 15. Oktober 1881 richtete ein Orkan große Verwüstungen in Europa an. Selbst für den Wächter auf dem Lamberti-Turm, Joseph Sirleke genannt Buschkötter, im Zweitberuf Schenkwirt, war es zu gefährlich, so dass er den Turm fluchtartig verließ. Während der Bauzeit des neuen Turms (1882-1899) genoss Buschkötter die Gastfreundschaft auf dem Kirchturm von St. Martini.

Ab- und Einberufung

Werbekarte aus den 50er Jahren
Werbekarte aus den 50er Jahren

Der Türmer war der ‚höchste Beamte‘ Münsters und wird auch heute noch nach einer Vereinbarung mit der Pfarrgemeinde von der Stadt besoldet. Seit 1902 ist in der Türmerstube ein Telefon installiert.

 

Im Jahre 1923 wurde die Stelle des Türmers abgeschafft. Die herrschende Inflation forderte Sparmaßnahmen. Nach erheblichen Protesten der Bürgerschaft führte der damalige Oberbürgermeister Dr. Georg Sperlich ein Jahr später den Türmer erneut in sein Amt ein, was Anlass für eine große Veranstaltung war. 

 

Der nationalsozialistisches und rassistisches Gedankengut vertretende Dichter Karl Wagenfeld trug sein patriotisch, heroisches Gedicht 'Der Turmwächter von Lamberti' vor.

Aus Wagenfelds Gedicht
Aus Wagenfelds Gedicht

Dazu gab es Glockengeläut, Choralmusik und Türmerblasen. Dieses besondere Ereignis wurde von der Westdeutschen Funkstunde - heute Westdeutscher Rundfunk - in die ganze Welt übertragen. Der Radiosender hatte damals seinen Sitz in Münster, und zwar im Hafengebiet.

Roland Mehring - Türmer 1960 - 1994
Roland Mehring - Türmer 1960 - 1994

... und heute

Die alte Tradition wird auch heute noch in Münster gepflegt. 34 Jahre verrichtete Roland Mehring (Bruder des 1999 verstorbenen Schauspielers Busso Mehring) seinen Dienst auf dem Turm.

 

Als sein Nachfolger, Wolfram Schulze, im Jahre 2014 aus Altersgründen aufhörte, wurde die Stelle bundesweit ausgeschrieben.

 

Aus den vielen Bewerbern und Bewerberinnen wurde erstmals eine Frau ausgesucht:

die Musikwissenschaftlerin und Historikerin Martje Saljé. Nach 298 Stufen und einer erreichten Höhe von 75 Metern tutet sie zwischen 21 Uhr und Mitternacht halbstündlich ins Horn. Entdeckt sie einen Brand, informiert sie die Feuerwehr per Telefon.

 

Das Horn ist nicht mehr das alte aus dem 17. Jahrhundert. Aber auch der Nachbau aus dem Jahre 1950 tutet gut - wie ein altes Nebelhorn.

Nachtrag

In Kinderhaus gab es an der Grevener Straße kurz vor der Bahnschranke die Gaststätte ,Waldschlößchen' - heute ein China-Restaurant. Bei meinem letzten Besuch fiel mir dieses Kachelbild auf. Es wurde 1950 von dem bekannten münsterschen Künstler Emil Stratmann gemalt und zeigt den Türmer von Lamberti. Unten rechts ist der Kirchturm der Kinderhauser St. Josef-Kirche dargestellt.


Quellen

Walter Werland: Münster so wie es war

Das schöne Münster: Heft 1/1931

Das schöne Münster: Heft 5/1935

Archiv Henning Stoffers