Liebe Leserinnen und Leser,

sie ist älter als 1000 Jahre, 540 Meter lang. Anfangs war sie ein Trampelpfad, hieß zwischendurch einmal Südstraße und wurde im letzten Krieg dem Erdboden gleichgemacht. Samstags mit fast 10.000 Fußgängern wurde sie Münsters Einkaufsmeile Nr. 1: die Ludgeristraße.

 

Nehmen Sie teil an einem Streifzug durch die Geschichte dieser Straße. - Ein kleiner Hinweis: Fast alle Abbildungen sind durch einen Klick vergrößerbar.

 

Ihr Henning Stoffers


Die Ludgeristraße

Vom Trampelpfad zur Flaniermeile

Blick vom Ludgeriplatz in die Ludgeristraße mit Ludgerikirche - um 1905
Blick vom Ludgeriplatz in die Ludgeristraße mit Ludgerikirche - um 1905

Geschichtliches

Ausschnitt aus dem Alerdinck Plan von 1636 - 6222.284.15
Ausschnitt aus dem Alerdinck Plan von 1636 - 6222.284.15

Die frühen Anfänge

Bereits im Mittelalter hatte die ,platea S. Ludgeri' = Ludgeristraße - so hieß sie ab 1339 - eine herausragende Bedeutung für das münstersche Straßennetz. Die Straße hatte damals auch den Namen ,Süntlüersstrote' (Sünt = Heiliger - Lüers = L(i)udger). Sie war, neben der Salzstraße, die einzige Straße, die vom Stadttor direkt zum Prinzipalmarkt führte.

 

Als sie diese Namen noch nicht trug, war es ein einfacher Trampelpfad, genannt ,platea orientalis' = östliche Straße, der vorbei an Höfen durch Felder und Wiesen führte.

 

Südstraße

Zur Zeit der Täufer wurde die Straße in ,Südstraße' umbenannt. Die Täufer hielten es mit ihrem Glauben unvereinbar, dass Straßen nach Heiligen benannt wurden. Als die kurze Herrschaft der Täufer endete, bekam sie ihren alten Namen zurück - benannt nach der Ludgerikirche, die um 1200 gegründet wurde.

Ausschnitt aus Manger-Stadtplan von 1839 - 6222.284.15
Ausschnitt aus Manger-Stadtplan von 1839 - 6222.284.15

Gassen

Etliche Gässchen, die früher rechts und links von der Ludgeristraße abgingen, sind weitgehend verschwunden oder wurden in die Ludgeristraße einbezogen. Unter anderem gab es bei der Hausnummer 19 die ,Viertehalbengasse', zwischen 42 und 41 den ,Sack' und des Weiteren den Gronenhoff.

 

Im Wandel

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts ändert sich das Bild der Straße - es wird städtisch. Neben Beamtenhäusern entstehen Geschäftshäuser. Handwerker lassen sich nieder. Ansehnliche Giebel und schmucke Fassaden zeugen vom wachsenden Wohlstand.

um 1930 - Blick stadteinwärts, links Hettlage
um 1930 - Blick stadteinwärts, links Hettlage
1937 - Blick stadtauswärts, rechts Hettlage
1937 - Blick stadtauswärts, rechts Hettlage

Verkehr

Anfang des 20. Jahrhunderts werden Gleise verlegt, die ,Elektrische' fährt nun durch die Ludgeristraße und wird zu einem beliebten Fotomotiv auf alten Fotografien und Ansichtskarten. Als weiteres Zeichen für Münsters Fortschritt und Modernität lösen Automobile zunehmend die Pferdefuhrwerke ab. Die Fußgänger müssen sich jetzt auf die schmalen Bürgersteige verdrängen lassen. Der Straßenverkehr nimmt in dieser engen Straße erheblich zu.

Beste Perspektive

Für die Fotografen war die Stelle an der Ludgerikirche mit Blickrichtung Stadtmitte beliebter und idealer Standort. Der rechts liegende repräsentative Merveldter Hof kam dadurch mit ins Bild.

 

Die jährliche Pest- und Brandprozession führte traditionell durch die Ludgeristraße. Wie auf dem nebenstehenden Bild zu sehen ist, nahmen auch Einheiten der Polizeischule an der Prozession daran teil. Später waren neben den sonstigen Teilnehmern auch uniformierte Nationalsozialisten dabei.

Der Merveldter Hof

Die Ludgeristraße um 1910, rechts der Merveldter Hof
Die Ludgeristraße um 1910, rechts der Merveldter Hof
Merveldter Hof um 1930
Merveldter Hof um 1930
um1935 - rechts der Merveldter Hof - Nationalsozialisten in der Prozesson (nur in der Vergrößerung erkennbar)
um1935 - rechts der Merveldter Hof - Nationalsozialisten in der Prozesson (nur in der Vergrößerung erkennbar)

Münster hatte Ende des 19. Jahrhunderts 40 Adelshöfe, von denen nur ein einziger, der Merveldter Hof, an der Ludgeristraße lag. Diese hatte in dieser Hinsicht nie die herausragende Bedeutung wie die Salz-, Königs- oder Neubrückenstraße. Der Merveldter Hof war für die Ludgeristraße eine architektonische Zierde. Erbaut in spätbarocker Ausführung im Jahre 1702, in Schutt und Asche gelegt im 2. Weltkrieg.

 

Heute steht an dieser Stelle das Bekleidungshaus C & A.

1945 - Trümmer Merveldter Hof - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster
1945 - Trümmer Merveldter Hof - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster

Der Stadthausturm

Eine weitere Zierde und noch gar nicht so alt ist der Stadthausturm am Ende der Ludgeristraße zum Prinzipalmarkt. Er wurde nach den Plänen des Architekten Alfred Hensen in den Jahren 1902 bis 1907 errichtet. Zuvor standen an dieser Stelle die Löwenapotheke, die Stadtlegge (Prüfstelle für Leinenstoffe) und der Stadtkeller.


Wie durch ein Wunder hat dieses Bauwerk die Zerstörungen des Krieges weitgehend unbeschädigt überstanden.

Der Ludgeriplatz

Um 1905 - Blick stadteinwärts
Um 1905 - Blick stadteinwärts
Um 1930 - Blick stadtauswärts
Um 1930 - Blick stadtauswärts

Nachdem die Gräben der alten Stadtbefestigung am Ludgeritor samt der Bastion entfernt worden waren, entstand 1876 der außerhalb der Promenade liegende Ludgeriplatz.

 

Vor mehr als 100 Jahren war der Ludgeriplatz bereits sehr belebt. Mittendurch führten die Gleise der Straßenbahnlinie 2 in Richtung Hammer Straße, Endstation Alter Schützenhof. Münsters Besucher wurden an markanter Stelle von zwei Bronzefiguren begrüßt: ,Knecht mit Pferd' und ,Magd mit Stier'. Für einige Jahre waren sie nahe am neuen Stadthaus 2 aufgestellt, bis sie im Jahre 1987 wieder an ihre ursprüngliche Stelle versetzt wurden.

 

Heute ist der Ludgeriplatz ein Verkehrsknotenpunkt besonderer Art. Sechs Straßen münden in den Ludgerikreisel, einen hochfrequentierten Kreisverkehr, insbesondere in der West-Ostrichtung. Der Hotspot ist nicht immer einfach zu befahren, wie die Unfallstatistiken belegen.

Der Ludgeriplatz im Sommer 1946 - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster
Der Ludgeriplatz im Sommer 1946 - Foto Carl Pohlschmidt ULB Münster

Zerstörungen

Der Fotograf Carl Pohlschmidt hat die entsetzlichen Zerstörungen des 2. Weltkriegs in der Ludgeristraße dokumentiert. Die nachfolgenden Bilder sprechen für sich, so dass es keiner besonderen Kommentierung bedarf.

Oktober 1943 - Das Schild in der Bildmitte warnt vor einem Blindgänger. - Foto Carl Pohlschmidt - ULB Münster
Oktober 1943 - Das Schild in der Bildmitte warnt vor einem Blindgänger. - Foto Carl Pohlschmidt - ULB Münster
Sommer 1945 am Ludgeriplatz - Foto Carl Pohlschmidt - ULB Münster
Sommer 1945 am Ludgeriplatz - Foto Carl Pohlschmidt - ULB Münster
Sommer 1945 - Foto Carl Pohlschmidt - ULB Münster
Sommer 1945 - Foto Carl Pohlschmidt - ULB Münster

Erinnerungen

An einem Sonntag 1967
An einem Sonntag 1967

Verkehrstote

Als kleiner Dötz führte mich der Weg von der Südstraße kommend oft über den Ludgeriplatz, durch die Ludgeristraße zum Herzen der Stadt, dem Prinzipalmarkt. Damals stand am Ludgeriplatz eine große Schautafel mit aktuellen Zahlen der Verkehrstoten und Verletzten Münsters. Für getötete oder verletzte Schulkinder gab es eine besondere Rubrik. Auf dem Schulweg war es immer einen Blick wert, ob Veränderungen zum Vortag eingetreten waren.


Stier und Pferd

Die beiden Bronzeplastiken Stier und Pferd mit ihren steinernen Sockeln wiesen viele Einschusslöcher und Beschädigungen auf. Das war in diesen Zeiten nichts außergewöhnliches, weil Kriegsschäden überall unübersehbar waren.

 

47 Jahre nach Wilhelm II. - Kaiserbesuch

Gut erinnere ich mich an den Tag, als Kaiser Haile Selassie von Äthiopien 1954 mit einem großen Mercedes den Ludgeriplatz umrundete. Wir standen am Straßenrand und winkten dem Kaiser zu. Kaiserbesuch in Münster - welch ein Erlebnis!

Bienenstich

Dann ging es durch die Ludgeristraße. Viel Verkehr herrschte in der engen Straße. Wenn ich Glück hatte, gab es von meiner Mutter in Pohlmeyers Cafe meinen heißgeliebten Bienenstich - je mehr Pudding umso besser.

 

Einkauf

Bekleidung wurde bei Hettlage oder im Deutschen Familien-Kaufhaus (DEFAKA) gekauft. Wenn ich mich recht erinnere, war Ratenzahlung möglich.

Kino

Am Capitol-Kino interessierten mich die

ausgehängten Filmplakate und Szenenbilder: bunt und reißerisch! Wie verlockend wäre doch ein Kinobesuch gewesen, aber leider wurden die Altersbegrenzungen streng überwacht.

 

Schuhkauf

Und bekam ich ausnahmsweise neue Schuhe - in der Regel musste ich die meines älteren Bruders auftragen - wurde im Schuhgeschäft der Fuß mit einem Pedoskop (Röntgengerät) durchleuchtet.

 

Ob die Schuhe richtig passen, wollte man auf diese Weise feststellen. Ich fand es höchst interessant, den Dicken Onkel zu sehen, wie er sich schemenhaft bewegte.

Das bisschen Strahlung, Hauptsache die Schuhe passten... Salamanderschuhe waren sehr beliebt, nicht zuletzt wegen der Lurchihefte, die es dazu gab.

 

Eklöh

Bei Eklöh, später Hill, wurde eingekauft. Selbstbedienung war noch nicht eingeführt, man stand vor der Ladentheke an. Rabattmarken wurden gesammelt und sorgfältig in ein Heft geklebt. War dieses voll, wurde ein Betrag von 1,50 DM ausgezahlt.

Stadthauptkasse
Stadthauptkasse
 heute Galeria Kaufhof - Foto Norbert Muddemann
heute Galeria Kaufhof - Foto Norbert Muddemann

Ein guter Tausch?

Weiter ging's an der alten Stadthauptkasse vorbei. Das imposante Bauwerk wurde einige Jahre später leider abgerissen. An dieser Stelle entstand ein Zweckbau: das Kaufhaus Horten, heute Galeria Kaufhof.

Fußgängerzone

Ende der 1970er Jahre - Foto Norbert Muddemann
Ende der 1970er Jahre - Foto Norbert Muddemann

Wieder Trampelpfad

1969, nach mehr als 1000 Jahren, wurde die Ludgeristraße schließlich wieder zum ,Trampelpfad'. Eine Bürgerinitiative schaffte es innerhalb von nur 6 Monaten, die Straße für den Autoverkehr sperren zu lassen. Ursprünglich sollten die Bürgersteige nicht abgesenkt werden. Aber die Argumente für eine fußgängerfreundliche Straße überzeugten die Verantwortlichen der Stadt - die Bordsteine verschwanden. Eine absolute Neuerung in Münster, so etwas kannte man bisher nicht.

Veränderungen

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bild der Ludgeristraße verändert. Filialgeschäfte nationaler und internationaler Unternehmen - meist uniform im Auftritt - haben sich niedergelassen.

 

Alteingesessene Traditionsunternehmen, wie Bekleidungshaus Hettlage, Cafe Müller, Schuhgeschäft Stupperich, Hotel Freudiger, Haushalt und Porzellan Anton Paul, sind bedauerlicherweise verschwunden. Wenige sind geblieben, wie zum Beispiel: die Bäckereien Krimphove und Pohlmeyer,  Optik Viehoff, Wäsche Koch oder die Weinhandlung Hassenkamp.
 
Wehmut? Nein, denn Wandel gab's schon immer - doch die Erinnerung an Vergangenes ist ein wertvoller Teil unseres Lebens.

Ende der 1970er Jahre - Foto Norbert Muddemann
Ende der 1970er Jahre - Foto Norbert Muddemann

Dank

Für die freundliche Bereitstellung des Foto- und Kartenmaterials danke ich der Stadt Münster, Frau Birgit Heitfeld-Rydzik von der ULB Münster und Herrn Norbert Muddemann.

 

Quellen

Ludwig Humborg: Historischer Bummel durch Münsters Altstadt-Straßen

Joseph Prinz: Mimigernaford - Münster

Münstersche Zeitung: Serie aus den 50 Jahren über Straßennamen

Westfälische Nachrichten: Werbung aus der Sonderausgabe von 1952

Henning Stoffers: Text und Bilder soweit nicht anders benannt