Liebe Leserin, lieber Leser,

Meine Mutter und ich  1947
Meine Mutter und ich 1947

warum nicht einmal die Erinnerungen aus den Nachkriegsjahren 1953 - 1955 an dieser Stelle niederschreiben? Vielleicht wollen Sie auch einmal etwas mehr über mich erfahren? - Das Haus Südstraße 100 gibt es nicht mehr, und nur noch Weniges erinnert an die Zeit von damals.

Diese Jahre habe ich sehr intensiv erlebt. Ich erinnere mich gut an das Spielen auf Trümmergrundstücken und an den alten Schuhmacher Peters. Da war die Frau Schwarz, die uns Kindern sehr anschaulich den Tod ihres Mannes schilderte. Es gab meine Versuche, Schwarzpulver herzustellen. Oder die Geschichte der Frauen, die vor der Kneipe standen und auf den Wochenlohn ihrer Männer warteten.


Ihr Henning Stoffers


Südstraße 100 - Erinnerungen

Die ersten Jahre

Erster Schultag in Halle/Saale. Mein jüngerer Bruder ebenfalls mit kleiner Tüte, 'damit sein Herz nicht blutete'.
Erster Schultag in Halle/Saale. Mein jüngerer Bruder ebenfalls mit kleiner Tüte, 'damit sein Herz nicht blutete'.

1944 wurde ich zwischen zwei Bombenangriffen in Halle an der Saale geboren. Mein Vater kam gebürtig aus Wanne-Eickel, meine Mutter aus Leipzig.

 

Mein Vater war Verbandsprüfer. Ich stellte mir vor, dass er Krankenhäuser besuchte und die Ordnungsmäßigkeit der Verbände der Patienten überprüfte. Heute würde man den Beruf als Wirtschaftsprüfer bezeichnen, was allerdings auch nichts mit der Gastronomie zu tun hat...

 

Vater fühlte sich in dem neuen Staatsgebilde der DDR nicht wohl. Daher strebte er die Rückkehr in seine alte Heimat an.

1950 ins Westfälische

Einschulung in Heeßen
Einschulung in Heeßen

Mitte 1950 machten meine Mutter und wir drei Jungen von der Sowjetischen Besatzungszone nach Westdeutschland ‚rüber'. Mein Vater war bereits ein Jahr vorher nach Westfalen gegangen, um einen Arbeitsplatz für sich und eine Wohnung für die Familie zu suchen.

 

Zuerst ging es mit dem Interzonenzug über Berlin nach Heeßen bei Hamm. Dort bezogen wir eine kleine Wohnung in der Molkerei. Zweimal wurde ich in die 1. Klasse eingeschult, denn das Schuljahr begann in der ‚SBZ’ im Frühjahr und in Westdeutschland erst im Herbst. Natürlich freute ich mich, ein zweites Mal eine Schultüte zu erhalten - wie man sehen kann.

1953: Südstraße 100

Rechts geht es in die  Südstraße
Rechts geht es in die Südstraße

1953 ging’s dann nach Münster in die Südstraße 100. Wir bezogen ein neu errichtetes, viergeschossiges Mehrfamilienhaus - schnell und aufs Einfachste hochgezogen. Man konnte sich glücklich schätzen, eine solche Neubauwohnung zu bekommen. Eine Zentralheizung gab es nicht. Es wurde mit Kohleöfen geheizt.

 

Das Haus war freistehend - links ein Trümmergrundstück, rechts daneben lag ein großes Kasernengelände - die ehemalige Trainkaserne. Stadteinwärts begrenzte eine lange Mauer mit hohem Eisengitter das Kasernengebiet.

Eine alte Ansichtskarte von der Trainkaserne
Eine alte Ansichtskarte von der Trainkaserne

Spielplatz Kaserne

An der Kasernenmauer
An der Kasernenmauer

Die massiven Eisenstäbe auf der Mauer waren an einigen Stellen durch Granaten und Geschosse zerstört, so dass wir Kinder bequem in das Gelände der Kaserne hineinschlüpfen konnten. In den mehr oder weniger beschädigten Gebäuden hatten sich Handwerker kleine Werkstätten eingerichtet.

Henning und die Karbidbande - Zeichnung: Wilfried (Schrolli) Schroeder
Henning und die Karbidbande - Zeichnung: Wilfried (Schrolli) Schroeder

Im Abfall einer Tischlerei fanden wir Reste von Karbid, die wir in Flaschen steckten. Nachdem etwas Wasser eingefüllt war, kam der Korken drauf. Nun musste aus sicherer Entfernung die Explosion der Flasche abgewartet werden, was dann zur allgemeinen Freude auch geschah.

Die Wohnung, Faust und die Witwen

Meine Brüder vor dem Haus - rechts sind Kasernengebäude zu erkennen
Meine Brüder vor dem Haus - rechts sind Kasernengebäude zu erkennen

Unsere Wohnung hatte nicht mehr als 60 qm: Wohnzimmer, Küche und Schlafzimmer. Das Schlafzimmer war nur durch die Küche erreichbar. Aber es war ein großes Glück, dass zur Wohnung eine Mansarde unter dem Dach gehörte. Dort hatten meine Brüder und ich unsere Schlafgelegenheiten. Beim Blick aus dem Küchenfenster sah man einen kleinen Hof und das dahinter liegende Gerümpel eines ‚Lumpenhändlers‘. Die Küche war der allgemeine Aufenthaltsraum. Dort wurden auch die Schulaufgaben erledigt.

 

An den Karsamstagen bemalten wir hier die Ostereier und hörten abends im Rundfunk Goethes Faust mit Gustaf Gründgens und Erich Ponto.

Die Zusammensetzung der Hausbewohner war typisch für die damalige Zeit. Unter uns wohnte eine jüngere, alleinstehende Frau - eine Witwe -, zu der sich später ein Mann gesellte. Er war Berufssoldat bei der neuen Bundeswehr. Daneben hatte ein Studienrat, um die 70 Jahre alt, seine Wohnung. Er war liiert mit einer ehemaligen Schülerin, einer jungen Frau, die eine Tochter hatte. Über uns lebte eine ältere Witwe mit ihrem Sohn.

 

In einem gegenüberliegenden, nicht zerstörten Haus aus der Jahrhundertwende wohnte mein Freund und Klassenkamerad Siegfried B. - auch seine Mutter war verwitwet.

Josefschule und St. Joseph-Kirche

Naja, geht so..., aber Religion immerhin ein Sehr gut
Naja, geht so..., aber Religion immerhin ein Sehr gut

Nun besuchte ich in meinem jungen Leben bereits die dritte Schule. Mein erster Lehrer an der Josefschule war Rektor Stephan Altekamp, den ich als ältere, gütige Respektsperson in Erinnerung habe. Den Religionsunterricht erteilte Frl. Harbort, schwarz gekleidet wie damals üblich, strenger Haarknoten, ebenfalls ein älterer Jahrgang. Sie gab auch den Kommunionunterricht.

 

Ich erinnere mich daran, wie der Gang zur Kommunionbank geübt wurde. Man musste mit zum Gebet gefalteten Händen durch die Kirche zum Altar gehen und dort niederknien. Frl. Harbort stand hinter mir und ich hörte sie leise zu einer Frau sagen, dass ich ein besonders frommer Knabe sei... - Große Achtung hatte ich vor Pfarrer Höing.

Die 1. Beichte und das 6. Gebot

Mit Kommunionsanzug im Hof, dahinter die Kasernenmauer
Mit Kommunionsanzug im Hof, dahinter die Kasernenmauer

Und dann kam die erste Beichte. Vor mir ging Astrid D. in den Beichtstuhl, und ich konnte vergnüglich ihr Geständnis erlauschen. Sie hätte Zucker genascht; na sowas. Und als ich dann dran kam…, was mag ein Neunjähriger schon beichten? Natürlich, ich hatte unkeusche Gedanken. Was das ganz genau ist, wusste ich nicht. Auf jeden Fall konnte hier nur das ominöse 6. Gebot herhalten. Dennoch bekam ich gegen drei Vaterunser und drei Ave Maria meine Absolution.

 

Im Mai 1953 ging ich dann zur 1. Hl. Kommunion. Es war eine große Familienfeier, und von allen Seiten kamen Glückwünsche, wie zum Beispiel von der nahegelegenen Bäckerei Josef Kiene. Natürlich waren auch die Geschenke wichtig. Wenn ich mich recht erinnere, gab es eine Armbanduhr.

Kleine Geschichte der Südstraße

Ein Weg führte vom Ludgeriplatz durch die Gärten der Stadtbewohner zum Kötterhof. Zumindest seit 1829 heißt dieser Weg 'Dahlstiege', offensichtlich benannt nach dem Kötter Dahlkamp. 1875 erfolgt in Verbindung mit dem Wachstum der Stadt die Umbenennung in die 'Südstraße'.

 

Unter den Nationalsozialisten hieß die Straße von 1933 bis 1945 'Albert-Leo-Schlageter-Straße', danach wieder 'Südstraße'.

 

Wirft man einen Blick in alte Adressbücher, kann festgestellt werden, dass es eine ,einfache' Wohngegend war. Hier wohnten hauptsächlich Arbeiter, Angestellte und ,kleinere' Beamte. Kein Vergleich zur Gertrudenstraße im Kreuzviertel, die im Volksmund auch ,Professorenstraße' genannt wurde. Von der Südstraße aus ist es nicht weit zum Bahnhof und zum Güterbahnhof, und so war es naheliegend, dass sich insbesondere die ,Reichsbahner' hier niederließen.

Spielplätze

Umgehungsstraße zwischen Hammerstraße und Kanal
Umgehungsstraße zwischen Hammerstraße und Kanal

Das war eine aufregende Zeit. Mit dem Fahrrad fuhr ich über die damals noch einsame Umgehungsstraße zum Kanal. Oder ich kletterte in den Ruinen der zerstörten Fabrik Stille herum. Wie gefährlich das war, wussten wir Kinder damals nicht.

 

Es gab auch allerlei zu finden. Stabbrandbomben, sechseckig, mattsilbrig schimmernd, lagen herum, die auf Haufen gestapelt werden. Waren sie bereits ausgebrannt? Heute mag man gar nicht darüber nachdenken... Auf dem Trümmergrundstück nebenan fand ich einen Revolver mit allem drum und dran. Er war verrostet und wohl nicht mehr zu gebrauchen.

Schwarzpulver

Haus in der Nachbarschaft - Südstr. 75 um 1935, damals Albert-Leo-Schlageter-Straße
Haus in der Nachbarschaft - Südstr. 75 um 1935, damals Albert-Leo-Schlageter-Straße

Eines Tages kam mir die Idee, Schwarzpulver herzustellen. Aus Vaters Lexikon waren mir die Zutaten bekannt: Salpeter, Schwefel und die restlichen Pülverchen. Nur beim Magnesium traten Probleme auf. Der Drogist Dördelmann von der Hammer Straße verkaufte mir stattdessen das kreideähnliche Magnesia, mit dem sich zum Beispiel Turner die Hände einreiben. Meine Pulvermischung war daher leider - heute Gott sei Dank - nicht so explosiv wie gewünscht. Aber der Anblick war dennoch schön, wenn das Pulver in einer Libby's-Dose funkenspeiend und stinkend abbrannte. - 60 Jahre später habe ich mich bei Dördelsmanns Sohn (Apotheker auf der Königsstraße) ‚beschwert‘, nicht das Gewünschte von seinem Vater erhalten zu haben.

Drachenbau

Am Kanal
Am Kanal

Im Herbst ließen wir die Drachen steigen. Unweit unseres Hauses lagen zwei große Trümmergrundstücke. Heute stehen dort das Finanzamt Münster-Außenstadt und auf der anderen Seite eine große Wohnanlage. Der Straßenbahner Bäumer bastelte uns die Drachen aus Zeitungspapier. Als Klebstoff diente eine Mischung aus Mehl und Wasser.

Besuch beim Schuhmacher

Ab und zu ging es zum Schuhmacher Peters in der Augustastraße. Er hatte eine kleine Werkstatt im Keller, die man über eine Außentreppe erreichen konnte. Herr Peters war alt und hatte einen Klumpfuß. Die Werkstatt strahlte eine besondere Atmosphäre aus. Es war etwas düster und es roch nach Leim und Leder. Seine Nähmaschine ratterte laut, und die Poliermaschiene, wenn er sie anwarf, war für mich ohrenbetäubend. Ich fand es höchst interessant, wenn er kleine Stifte in die Schuhe nagelte. Ruckzuck waren die Absätze erneuert oder eine neue Leder- oder Gummisohle aufgezogen.

Bratwurst oder Kino

Bäckerei Oelerich - Plöniesstr. 4, Ecke Augustastraße
Bäckerei Oelerich - Plöniesstr. 4, Ecke Augustastraße

Schräg gegenüber vom Schuhmacher Peters, Ecke Dahlweg, lag das Feinkostgeschäft Kühler. Dann und wann trug ich Zettel mit Angeboten für die Haushalte aus. Als Lohn gab es 50 Pfennig. Das war für mich eine Menge Geld. Für eine Mark konnte man bereits ins Kino gehen oder bei Heinemann am Bahnhof eine köstliche Bratwurst essen. Die Entscheidung viel mir nicht immer leicht...

 

Dann geschah es, dass ein solch mühsam verdientes Geldstück zwischen die Ritzen der Fußbodendielen fiel. Keine Chance es herauszuholen, es sei denn, man bräche mit Gewalt die Dielen auf. Diesen verlorenen 50 Pfennig trauere ich heute noch nach.

Lohntüten und wartende Frauen

Die Arbeiter erhielten am Wochenende ihre Lohntüte - braun war sie. Auf der Lohntüte stand der Name des Arbeitnehmers und der Nettobetrag der Zahlung. In der Tüte lag das Bargeld - Geldscheine und Münzen - und der handschriftlich ausgefüllte Lohnstreifen mit den Abrechnungsdaten.

Die Augustenburg um 1910
Die Augustenburg um 1910

Es war üblich, dass die Männer nach einer Lohnzahlung abends in die Kneipe gingen und es sich mit dem Geld aus der Tüte gutgehen ließen - ein Bier kostete 35 Pfennig, drei Bier eine Mark. Und draußen standen die Ehefrauen, die um das Geld ihrer Männer bangten, welches dringend für den Lebensunterhalt benötigt wurde. Dann wurde es oft sehr laut, wenn die mehr oder weniger angeheiterten Männer aus der Gaststätte kamen und von ihren Frauen beschimpft wurden.

 

Die nächstgelegene Kneipe in der Gegend war die schräg gegenüberliegende Augustenburg, und so konnte ich allwöchentlich das Geschehen beobachten.

 

Das nebenstehende Bild zeigt die Augustenburg vor ihrer Zerstörung. Danach wurde an dieser Stelle ein nichtssagender Neubau hochgezogen. Links ist ein kleiner Ausschnitt des Hauses meines Freundes Siegfried zu sehen. Es hat den Krieg heil überstanden.

Die Knallkorkenpistole

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Knallkorkenpistolen. Diese kleinen Schreckensinstrumente hatten es in sich. Ein Knallkorken wurde auf die Pistole gesteckt. Der Korken flog dann mit einem ohrenbetäubenden Knall fünf Meter weit. Als der Karnevalsumzug durch die Hammer Straße zog, wurde ein Knallkorken auf ein Pferd des Umzuges abgedrückt.

Mein älterer Bruder und ich am Kanal
Mein älterer Bruder und ich am Kanal

Das war kein Spaß mehr. Das Pferd ging hoch und war nur schwer zu beruhigen. Natürlich war nicht ich der Übeltäter, da war ich doch zu brav.

 

Einmal hatte ich einen nicht abgeschossenen Knallkorken übrig. Mit einer Nadel stocherte ich in dem Zündbereich herum. Wie nicht anders zu erwarten war, explodierte der Korken in meinen Händen. Außer ein paar schmerzhaften Verbrennungen ist nichts weiter passiert.

 

Heute sind Knallkorken natürlich verboten.

Radiozeiten

Es war die noch fernsehlose Zeit. Man  hörte aus dem Radio Sportübertragungen, Wunschkonzerte, die Nachrichtensendung 'Echo des Tages' oder die Unterhaltungssendung 'Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank' und natürlich die Kinderstunde mit Onkel Eduard (Marks). Und im Sommer, wenn die Fenster geöffnet waren, konnte man kostenfreien Hauskonzerten (Klavier, Akkordeon) lauschen. Abends stand ich mit anderen Jungen auf der Straße. Wir klönten über Gott und die Welt, und rauchten aus Nikolauspfeifen getrocknete Pfefferminzblätter. Dann ging

die Gaslaterne an, die unserem Haus gegenüber stand, und es war Zeit, zu Bett zu gehen.

 

Tod in der Nachbarschaft

Es war gar nicht ungewöhnlich, aber wiederum doch etwas Besonderes und Faszinierendes, wenn ein Todesfall eintrat.

 

Eines Tages verunglückte der ältere Bruder meines Freundes Siegfried auf der Friedrich-Ebert-Straße tödlich. Er war auf der Höhe der Gaststätte Industriehof in einer leichten Kurve mit seiner Vespa ins Schleudern gekommen und mit dem Kopf gegen den Bordstein geprallt. Er war sofort tot. Die verzweifelten Schreie der Schwester: 'Das ist nicht wahr!' schallten bis zu uns ins Mansardenzimmer.

 

Und als Siegfrieds alte Tante, sie war geistig behindert, im Sarg aus dem Haus gegenüber getragen wurde - ich konnte es vom Mansardenfenster aus genau sehen -, hatte dies einen gewissen Nervenkitzel, zumal wir Kinder gehört hatten, dass wegen des Leichengiftes ausspuckt werden sollte, wenn ein Leichenwagen vorbeifuhr oder ein Sarg in der Nähe war.

Schauriges von Frau Schwarz

Martha Schwarz
Martha Schwarz

Dann gab es eine Freundin meiner Eltern, Martha Schwarz, an die 70 Jahre alt, aus Breslau gebürtig. Sie erzählte uns Kindern, wie ihr Mann gestorben ist.

 

Er hatte sich rasiert und war dabei tot zusammengebrochen. Frau Schwarz legte seine Leiche auf ein Sofa mit dem üblich erhöhten Kopfteil und zusätzlichen Kissen, so dass Herr Schwarz eine eher sitzende als liegende Stellung einnahm.

Als einige Stunden später die Herren vom Beerdigungsinstitut kamen, konnten sie den Sargdeckel nicht schließen. Der Oberkörper ließ sich durch die Leichenstarre nicht mehr in die Waagerechte bringen. Irgendwie konnte nach einigen Bemühungen und unter Kraftanstrengung der Sarg geschlossen werden.

Bild: Schrolli Schroeder mit speziellem Dank!
Bild: Schrolli Schroeder mit speziellem Dank!

Nun ging es eine schmale, steile Treppe - aus dem Sarg hörte man ein dumpfes Poltern - hinunter zum Leichenwagen, der von zwei Pferden gezogen wurde. Als der Sarg gerade in den Wagen geschoben war - die Tür war noch nicht geschlossen - gingen die Pferde durch. Der Sarg rutschte aus dem Wagen, fiel polternd auf den Asphalt, der Deckel sprang auf, und Herr Schwarz kam wieder zum Vorschein und erblickte nochmals das Licht der Welt.

 

Welch eine Erzählung! Wir Kinder hingen an ihren Lippen und malten uns die makabren Details aus.

Die Knibblerin und die geklaute Marzipankartoffel

Diebischer Knabe mit lockigem Haar
Diebischer Knabe mit lockigem Haar

Meine Eltern hatten in diesen Jahren neue Sessel - eine Anschaffung fürs Leben, hieß es damals - gekauft, die sie dann einige Jahrzehnte im Gebrauch hatten. Sie wurden im Laufe der Zeit einmal neu bezogen, und auch das Korbgeflecht wurde erneuert. So einfach was Neues kaufen, das gab es nicht.

 

Meine Eltern sahen es gar nicht gern, wenn Frau Schwarz in einem der guten Sessel saß, denn sie nestelte mit ihren Fingern immer am seitlichen Korbgeflecht herum. Irgendwann war das Geflecht kaputtgeknibbelt. Meine Eltern sagten ihr aus Höflichkeit aber nichts.

 

Dagegen wurde ich einmal sehr heftig von ihr zurechtgewiesen. Und so war der Hergang: Als Gastgeschenk hatte sie eine kleine, durchsichtige Tüte mit Marzipankartoffeln mitgebracht. Ich stibitzte in einem unbeobachteten Moment eine Marzipankartoffel und aß sie genüßlich an einem sicheren Orte. Aber dann brach ein Donnerwetter über mich herein. Frau Schwarz hatte nämlich den Inhalt der Tüte genau abgezählt, und nun fehlte ein Teil. In ihren Augen eine sehr üble, verachtenswerte Tat.

Der Tod meines Onkels

Meine Großmutter am Grab ihres Sohnes
Meine Großmutter am Grab ihres Sohnes

An einem Vormittag kam meine Mutter in die Schulklasse, um mich zum Beten in der Kirche abzuholen. Mein Onkel war an Tuberkulose gestorben. Er lebte in Halle und bekam nicht die notwendige Ernährung für seinen geschwächten Körper.

 

Meine Mutter schickte daher regelmäßig Pakete mit Lebensmitteln in die Ostzone; so hieß landläufig die neu gegründete DDR. Der Schriftwechsel der Geschwister liegt mir heute noch vor.

Südstraße 100 im Jahre 1958
Südstraße 100 im Jahre 1958

Es ist erschütternd zu lesen, wie elend die Versorgungslage in Halle war, wie sehr die Menschen leiden mussten.

 

Wenn ich an diese Zeit denke, waren für mich die Frauen jenseits der Fünfzig schwarz gekleidet und hatten einen dicken Haarknoten am Hinterkopf.

 

Ich empfinde diese Jahre im Nachhinein als düster und grau, eine schwarz-weiße Zeit. Erst in den 60ern tauchte Farbe auf.

... und heute

Das Haus Südstraße 100 gibt es nicht mehr, es wurde abgerissen. Auch von der alten Kaserne sind keine Spuren mehr zu finden. Seit den 1970er Jahren ist an dieser Stelle der Südpark. - Wehmut? Nein, es ist der Lauf der Dinge. Aber ich denke gern an diese Jahre.


Herr Erwin Schröder schrieb:

...Sie wissen, dass ich nur 3 Häuser weiter groß geworden bin, allerdings gut 10 Jahre später. Wie sah es damals aus für mich? Nun, die Mauer zur Kaserne hatte keine Löcher mehr, man hatte wohl inzwischen alles dicht gemacht, um "herumlungernde" Kinder fern zu halten. Die Umgehungsstraße war schon ganz ordentlich belebt, zum Fahrradfahren kein geeigneter Ort mehr.  Und die Anzahl der Trümmergrundstücke hatte sich sicher auch reduziert, "Trümmer" gab es kaum noch, das meiste war abgeräumt, wohl aber viele verwilderte Baulücken.